Responsive image

Yesterday You Said Tomorrow

Christian Scott

Concord/Universal 7231412
(68 Min., 4/2009) 1 CD

Vielleicht liegt's daran, dass Christian Scott gleich für sein Debüt-Album eine Grammy-Nominierung einheimsen konnte. Oder daran, dass er von Magazinen wie JazzTimes zum neuen "Stil-Gott des Jazz" ernannt wurde. Tatsache ist jedenfalls, dass der 1983 in New Orleans geborene Ausnahmetrompeter bei seiner fünften Veröffentlichung nicht die geringste Veranlassung dafür sieht, den Ball zu flach zu halten. Scott hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, so viele Gesellschaftsthemen wie möglich auf einer (wohlgemerkt instrumentalen) Platte unterzubringen. Die Zustände in amerikanischen Gefängnissen, Homo-Ehe, Abtreibung, Rassismus – man könnte schon fast von Leitartikel-Jazz sprechen. Glücklicherweise ist Christian Scott ein visionärer Musiker, dem es in der Tat wie einigen seiner großen Vorbilder gelingt, Verstörung und Unterhaltung auf seltsame Weise zu paaren.
Bestes Beispiel ist das Auftaktstück "K.K.P.D." (hinter der Abkürzung verbirgt sich "Ku Klux Police Department"): Als Kontrapunkt zu dem von Scott mit seiner speziellen Wispertechnik auf der gestopften Trompete vorgetragenen Thema schaffen Gitarrist Matthew Stevens und Schlagzeuger Jamire Williams eine Aura der diffusen Bedrohung, die sich später machtvoll entlädt. So, wie Scott da seine Trompete bläst, erinnert das an Abbey Lincolns Verzweiflungsschreie in Max Roachs "Freedom Now Suite". Ein starker Beginn, dem eine Reihe beeindruckend eigenständiger Kompositionen folgt. Scott gelingt dabei das Kunststück, europäischen Indie-Rock mit tiefgefrorenem R&B, Bob-Dylan-Folk und methenyesken Gitarrensoli derart organisch zu verbinden, dass man ihm seine – sicherlich ehrenwerten – Ambitionen als Universalmahner nicht krumm nimmt.

Josef Engels, 06.02.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top