Man kann Pietro Mascagni nicht vorwerfen, dass er nicht alles versucht hätte, um den Welterfolg seiner "Cavalleria" noch einmal zu wiederholen. Von der Exotismustragödie über das Historienstück bis zum dekadenten Erotikreißer sprang der 1863 geborene Italiener auf so gut wie jeden Trendzug auf, der um die Jahrhundertwende über Europas Bühnen rollte. Für seine 1905 uraufgeführte "Amica" dürfte der Erfolg von Eugen d'Alberts "Tiefland" ein Auslöser gewesen sein, vielleicht aber auch die Hoffnung, nach einigen Misserfolgen mit diesem eifersuchtsdurchtränkten Bauerndrama wieder direkt an seinen "Cavalleria"-Stil anknüpfen zu können. Heute ist der kurze Zweiakter gründlich vergessen, und auch dem Wiederbelebungsversuch des italienischen Raritätenfestivals von Valle d’Itria dürfte kaum ein nachhaltiger Erfolg beschieden sein. Denn bei aller Kläglichkeit und unfreiwilligen Komik, die man von einer süditalienischen Open-Air-Bühne erwarten kann, zeigt die Aufführung doch zur Genüge, dass auch bessere Stimmen, ein professionelleres Orchester und eine kluge Regie hier wenig ausgerichtet hätten: Allzu simpel ist die Dreiecksgeschichte um das schöne Bauernmädchen zwischen zwei Milchbrüdern, allzu dünn und ohne melodischen Erinnerungswert ist auch Mascagnis Musik, die nur momentweise in der kurzen Soloszene der Titelheldin unmittelbar vor ihrem Selbstmord die deklamatorische Kraft einer guten Verismo-Oper ahnen lässt (Anna Malavasi ist mit ihrem durchschlagenden Sopran auch die einzig anhörbare Stimme). Viele Werke Mascagnis verdienen ein besseres Schicksal: "Iris", "Parisina" und "Isabeau" gehören dazu. "Amica" leider nicht.

Jörg Königsdorf, 06.02.2010



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