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Hector Berlioz, Jean-Philippe Rameau

Symphonie Fantastique, Les Boréades

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

Medici Arts/Naxos 2.057 558
(87 Min., 11/1993) 1 DVD

Top-Orchester und Barockmusik – das wollte bis in die Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts einfach nicht zusammenpassen. Und wenn sich selbst bei den Berliner Philharmoniker mal ein Herbert van Karajan ans Cembalo verirrte, kam nur mager runtergespulte Vivaldi-Kost heraus. 1993 begann aber gerade bei den Hauptstadt-Musikanten eine kleine Zeitenwende im Umgang mit dem Repertoire aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als nämlich der damals noch schmächtiger unter seinem riesigen Lockenkopf wirkende Simon Rattle eines seiner Gastspiele bei jenem Orchester gab, das ihn sechs Jahre später zum Chef machen sollte. Auf dem (französischen) Programm stand neben Hector Berlioz' "Symphonie Fantastique" auch die Suite aus Jean-Philippe Rameaus Ballett-Oper "Les Boréades". Gemäß der aufführungspraktischen Lehre hatte nur die Hälfte der Berliner Philharmoniker auf dem Konzertpodium Platz genommen. Aber was für Wirbelstürme sie jetzt in der Philharmonie entfachte, um danach ariose Kostbarkeiten in einen einzigen Schwebezustand zu bringen, war schon beeindruckend. Und dies alles ohne Darmsaiten.
Dass sich da eine zukunftsträchtige Freundschaft zwischen Dirigent und Orchester bei diesem ersten dokumentierten Live-Mitschnitt ankündigte, unterstreicht zudem eine bis aufs i-Tüpfelchen farbige "Symphonie Fantastique". Mit Biss und Feuer trieb Rattle damals das dialektische Ineinandergreifen von bizarrer Phantastik und mechanischer Präzision voran. Man erlebte und erlebt hier Berlioz als einen Orchestervisionär modernster Prägung.

Guido Fischer, 13.02.2010



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