Kein Wunder, dass der britische Hochadel not amused reagierte: Hatten Benjamin Britten und sein Librettist William Plomer es doch tatsächlich gewagt, zu den Krönungsfeierlichkeiten Elisabeths II. kein Jubelopus, sondern ein Stück über eine alte, von Einsamkeit zerfressene Monarchin zu verfassen. Von dem Premierenfiasko anno 1953 hat sich "Gloriana" bis heute nicht erholt, die groß angelegte Oper über die späte Liebe der "Virgin Queen" Elisabeth I. zu ihrem Günstling Robert Devereux ist bis heute Brittens unbekannteste Oper geblieben. In England hat man das Werk immerhin posthum rehabilitiert, und der Film, den die Regisseurin Phyllida Davis 1999 auf der Grundlage einer gefeierten Produktion der Opera North drehte, sorgt hoffentlich dafür, dass "Gloriana" auch hier zu Lande auf die Spielpläne kommt. Denn das Stück ist nicht nur bester Britten, sondern auch ein idealer Showcase für in die Jahre gekommene dramatische Soprane. In der auf 100 Minuten verknappten Filmfassung tritt das besonders klar hervor, denn Davis konzentriert sich ganz auf ihre Hauptfigur, umrundet die Monarchin mit abenteuerlichen Kamerafahrten, folgt ihr in die Intimität der Garderobe, stellt sie dann wieder ins kalte Bühnenlicht der Macht. Und was Dame Josephine Barstow, die Grand old Lady der englischen Opernszene, in dieser Rolle leistet, ist schier umwerfend: In ihrem Gesicht spiegelt sich jede Nuance der Musik. Lebensangst, Machtinstinkt und Sehnsucht nach Liebe - selbst wenn Barstowkeinen Ton singen würde, wäre ihre Elisabeth einen Oscar wert.

Jörg Königsdorf, 10.11.2006



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