Einspielungen und Aufführungen der ganz großen A-Cappella-Chorwerke von Richard Strauss sind selten: Der Aufwand, einen in 16 (!) Stimmen – so viele eigenständige Partien haben sowohl die "Deutsche Motette" als auch der "Abend" – unterteilbaren sehr guten Chor bereitzustellen, ist doch alles andere als selbstverständlich. Umso mehr darf man sich freuen, wenn dies ab und zu gelingt, zudem mit einem insgesamt so überzeugenden musikalischen Ergebnis wie hier.
Erfahrungsgemäß bleiben bei Aufnahmen der "Deutschen Motette" nach einem Text von Friedrich Rückert, die wohl das heikelste der hier versammelten Werke ist, immer ein paar Wünsche offen: Allein der akustische Entfaltungseffekt, den ein so vielfach gesplittetes Ensemble (zu den 16 Chorstimmen kommen noch vier Solisten) live zeitigen kann, lässt sich wohl nur schwer einfangen und auf einen Tonträger bannen. Sodann ziehen so viele Mitwirkende in vieler Hinsicht nicht immer an einem Strang: Man denke allein an die erheblichen Anforderungen an die Intonation. Vor dem Hintergrund solcher Schwierigkeiten darf diese Produktion als sehr gelungen gelten – allein das satte Vibrato der Solosopranistin bildet einen unschönen Kontrapunkt zum viel ruhigeren Stimmansatz des Chores. So kann sich Strauss' raffinierter vokaler Klangzauber auf dieser CD immerhin beinahe ungestört entfalten, zur Freude des Hörers: Strauss bietet sein ganzes satztechnisches Können auf, um in den chorischen Mammutpartituren für Effektfülle und Abwechslung zu sorgen. Gewagte Modulationen, absichtlich fehlerhafte Stimmführungen (Quintparallelen), alterierte Akkorde und manches mehr kitzeln angenehm das Ohr und deuten differenziert die Texte aus, die man freilich zumeist nur mit dem beigegebenen Libretto in der Hand verfolgen kann. Der engagierten Chorleiterin Laurence Equilbey, die immer mal wieder mit einem außergewöhnlichen Projekt auffällt und für diese CD ihren eigen Chor Accentus mit dem lettischen Rundfunkchor zu nahtloser Verschmelzung zu bringen verstand, ist ein Glückwunsch auszusprechen. Einzig der Tenorsolist Eric Stoklossa dürfte sich ärgern: Sein Nachname wurde im Beiheft und auf der Hülle konsequent ohne "t" geschrieben. Man bemerkt in letzter Zeit öfters: Bei den Labels wird das redaktionelle Personal knapp.

Michael Wersin, 06.03.2010



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