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George Onslow

Streichquartette op. 54 - 56

Quatuor Diotima

naïve/Indigo 942922
(77 Min., 7/2009) 1 CD

Diese Aufnahme ist eine Sensation. Wie kann es sein, fragt man sich unwillkürlich, dass Generationen von Streichquartetten diese Werke einfach ignoriert haben? Denn selbst wenn George Onslow nur diese drei Quartette hinterlassen hätte (und nicht noch 33 weitere), müsste man ihn schon zu den großen Quartettkomponisten zählen. Die Erfahrung der späten Beethoven-Quartette, schreibt die Onslow-Forscherin Viviane Niaux im Booklettext, habe dem damals bereits als "französischer Beethoven" gefeierten Komponisten einen neuen Schaffensimpuls gegeben. Tatsächlich ist die Auseinandersetzung mit Beethoven auch bei den 1834 veröffentlichten drei Quartetten op. 54-56 immer spürbar. In den Motiven, die nicht in erster Linie nach ihrem melodischen Oberflächenreiz, sondern eher nach ihrer Tauglichkeit als Keimzellen für den musikalischen Verarbeitungsprozess ausgedacht scheinen. Ganz direkt aber auch in den langsamen Sätzen wie der "Preghiera" des Es-Dur-Stücks, die den langen Atem und den verinnerlichten Ton des späten Beethoven aufnimmt. Dennoch findet Onslow zu einem ganz eigenen Ton, der ihn im Spannungsfeld zwischen Beethoven, Mendelssohn und den ebenfalls krass unterschätzten Quartetten Luigi Cherubinis verortet: In der brillanten Führung der ersten Geige in op. 54 oder in der extrovertierten Rasanz des Finalsatzes von op. 56 spiegelt sich die Tradition des Quatuor concertant, die aber durch die gründliche, an der Wiener Klassik orientierten Durcharbeitung in einen motivischen Diskurs eingespannt wird. Das ist großartige Musik und großartig gespielt: Das Quatuor Diotima, neben dem Quatuor Ebène Frankreichs bestes junges Quartett, hat nicht nur die technische Perfektion für Onslows Quartette, sondern auch eine am späten Beethoven wie an Nono und Lachenmann geschultes Gespür für Binnenspannung und Fokussierung. Mehr davon!

Jörg Königsdorf, 13.03.2010



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