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Allan Miller

Valéry Gergiev - You Cannot Start without Me

Valéry Gergiev

Bel Air/harmonia mundi BAC053
(87 Min., 2008) 1 DVD

Valéry Gergiev ist nicht einfach ein Macher. Der Russe ist die Personifizierung des effektiven Multi-Taskers. Beispielhaft steht dafür eine kleine Szene in dem Filmporträt "You Cannot Start without Me", mit dem Regisseur Allan Miller eine eindrucksvolle Zwischenbilanz von der Arbeitskrake Gergiev gezogen hat. In seinem Chefbüro am St. Petersburger Mariinski-Theater sitzt Gergiev hinter einem riesigen, leicht chaotischen Schreibtisch. Mit den Augen verfolgt er gebannt ein Fußballspiel, das eben im Fernsehen übertragen wird. Mit den Ohren nimmt er dagegen Anregungen auf, mit denen sich gerade eine unzufriedene Ballerina an ihn wendet. Gergiev greift zum Telefonhörer, macht kurz eine Ansage und alles ist geritzt. Auf die lange Bank scheint Gergiev nie etwas zu schieben, er ist reflexartig ein Mann der Tat. Mit dieser Eigenschaft hat er in den vergangenen, mehr als 20 Jahren nicht nur das Mariinski-Theater zum internationalen Exportschlager geformt. Wo immer er auch ansonsten einem seiner vielen Jobs nachkommt, ob an der New Yorker Met oder als Chefdirigent des London Symphony Orchestra – die Musiker schwärmen vor der Kamera unisono von seinem musikantischen Perfektionismus, den er bestimmt, aber nie diktatorisch einfordert.
Mit dieser festen Hand ist zwar Gergiev zum vielgebuchten Jetsetter aufgestiegen, aber auch dann bleibt er Botschafter einer großen, russischen Musiktradition, die er aus dem Dornröschenschlaf holen will – als Musiker, Manager und Mentor. Er machte Eigengewächse aus dem Mariinski-Theater zu Weltstars (Anna Netrebko bedankt sich dafür im Film auch artig). Und dank Gergievs fleißig eingesammelter Sponsorengelder hat St. Petersburg inzwischen auch einen High-Tech-Konzertsaal. Um die Musiknation Russland auch in die Abendnachrichten zu bringen, lässt er für seine zahlreichen Festivals schon mal internationale Politprominenz einfliegen. Dass Gergiev damit zum mächtigsten und einflussreichsten Künstler in seiner Heimat aufgestiegen ist, spiegelt hingegen seine mehr als historisch verstaubte Schaltzentrale im Mariinski-Theater nun wirklich nicht wider. Aber selbst mit der Kommunikationstechnik, die noch aus alten Sowjetzeiten stammen dürfte, kann er anscheinend Großes bewegen.

Guido Fischer, 27.03.2010



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