Diverse

Richter In Hungary 1954 - 1993

Swjatoslaw Richter, Nina Dorliac, Ungarische Staatsphilharmonie, János Ferencsik

BMC/Codaex BMC 0171
(1043 Min., 1954-1993) 14 CDs

 

Frédéric Chopin

Polonaise-Fantasie, Walzer, Nocturnes u.a.

Swjatoslaw Richter

Melodya/Codaex MEL 1001626
(70 Min., 1967, 1971, 1976) 1 CD

 

Wer in den Fünfzigerjahren aus der Sowjetunion zurückkehrte, war wie von Sinnen. Wie Van Cliburn, der 1958 nicht nur den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen, sondern auch noch Swjatoslaw Richter erlebt hatte: "Das ist das gewaltigste Klavierspiel, das ich je gehört habe." Und auch Eugene Ormandy versuchte noch im selben Jahr – während seiner UdSSR-Tournee mit dem Philadelphia Orchestra –, Richter endlich in die USA zu locken. Die Gründe für diese Richterverehrung von anno dazumal liegen längst auf der Hand. Dank eines Radiomitschnitts vom 9. Februar 1958 aus dem Budapester Konservatorium, bei dem der Schubert- und Schumann-Interpret Richter die Musik existenziell kämpferisch imprägnierte. Den riesigen Finalsatz von Schuberts c-Moll-Sonate D 958 lässt er einfach nicht zur Ruhe kommen – wie ein einsamer Wanderer ist er hier rastlos hetzend zugange. Und Schumanns "Toccata" bietet weit mehr als phänomenale Pianistik. Richter scheint Florestan und Eusebius über Feuerkohlen zu peitschen. Angesichts dieses Minidramas in 6:46 Min. ist man danach umso erstaunter, wie geradezu höflich das anwesende Publikum darauf reagierte. Offiziell folgte darauf mit Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" noch so ein Richtermanifest, das auf CD-Aufnahmen bei Klein- und Kleinstlabels dokumentiert ist. Warum der Livemitschnitt dieses Zyklus aber nun ausgerechnet bei einer 14-CD-Box fehlt, die Richters konzertante Sternstunden in Ungarn von 1954 bis 1993 umfassen, kann das ansonsten höchst informative Booklet nicht erklären.
Übertragen wurden die Auftritte Richters in Budapest, aber auch in der Provinz allesamt im Radio. Und wenngleich die Bänder nun eher vorsichtig remastered worden sind, ist man mittendrin in Richters musikalischem Weltverständnis. Zuckende Dämonie (Liszt) und hinausgeschleudertes Pathos (Chopin), strenge Kraft und innere Zucht (Beethoven) und expansive Koloristik (Debussy), blankes Erstaunen (Prokofjew) und pures Entsetzen (Schubert), protestantische Dignität (Bach) und sehnsuchtvolle Leichtigkeit (Grieg) – diesen Radius steckt Richters enorm breitgestreutes Programmkonvolut ab. Andererseits verdeutlicht das Repertoire auch, dass sich Richter ein Leben lang fast ausschließlich an Vertrautem abarbeiten sollte. Eine wirkliche Überraschung bilden da lediglich zwei Debussy-Lieder, die er mit der Sopranistin Nina Dorliac aufgenommen hat. Wie sich Richters ernste Massivität aber auch in tonschönen Momentaufnahmen auflösen konnte, zeigt eine CD mit Livemitschnitten aus Moskau: in einem aus drei Konzerten kompilierten Chopin-Recital, das in seinem Substanzreichtum jedes Chopin-Jubiläumsjahr überdauern wird.

Guido Fischer, 27.03.2010




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