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Hector Berlioz, Franz Liszt

Symphonie fantastique

Königlich Dänisches Ballett, William Hicks, Léonide Massine

VAI/Codaex VAI 4507
(52 Min., 1948) 1 DVD

Achtung! Eigentlich ist diese DVD nur ein Fall für Hardcore-Tanzarchäologen. Auf der anderen Seite bietet sie auch einen ungemein faszinierend Blick in eine längst vergessen geglaubte, weil kaum filmisch dokumentierte Zeit. Der Russe Léonide Massine (1896-1979) war nicht nur nach Nijinskys Abgang bei den Ballets Russes der nächste Liebling Djagilews, er entwickelte sich schnell auch zu einem wichtigen Choreografen. Bis heute wird etwa sein de-Falla-Ballett "Der Dreispitz" nicht nur wegen der berühmten Picasso-Ausstattung viel getanzt. Historisch wichtig ist er auch, weil er in vier Aufsehen erregenden Choreografien erstmals Sinfonien als musikalische Grundlage auswählte. Was heute längst Usus ist, war früher die Ausnahme. Zu Werken von Tschaikowsky, Brahms und Beethoven sollte so der Tanz aufgewertet werden, das narrative Element weitgehend ausgeblendet bleiben. Das galt freilich am wenigsten für ein großartiges Programmmusikstück wie die Symphonie fantastique von Berlioz, die er 1936 als drittes dieser Werke schuf. Das hier vorliegende Dokument von 1948 ist ein erstaunlich deutlicher, freilich stummer Probenfilm vom Royal Danish Ballet in Kopenhagen, wo Massine das Stück einstudierte. Die Tänzer tragen zudem nur Probenkostüme (es gibt ein paar Standfotos als Extras) und in zwei von vier Akten fehlen die Dekorationen. Doch es ist spannend zu sehen, wie hier – zur nachträglich synchronisierten Musik in der Klavierbearbeitung von Liszt – die Szenen aus einem Künstlerleben immer abstrakter werden, nach den konventionellen Liebes- und Ballnummern, teilweise im Pittura-metafisica-Ambiente eines Giorgio de Chirico, die Bilder am Galgen und der Hexensabbat zu einem unaufhaltsamen Bewegungsstrudel sich vermischen. (Man kann dabei technisch auch noch heranzoomen.) Neben dem später als Charaktertänzer geschätzten Niels Bjørn Larsen als Musiker sind in der Gruppe auch spätere Tanzstars wie die damals 17-jährige Toni Lander und der 20-jährige Erik Bruhn zu entdecken.

Matthias Siehler, 10.04.2010



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