Als Kardinal Jules Mazarin, dieser mächtige Strippenzieher und politische Ziehvater von Louis XIV., 1661 verstarb, konnte er nicht mehr miterleben, wie ein von ihm in Auftrag gegebenes Hochzeitsgeschenk endlich über die Bühne ging. Ursprünglich für die Vermählung zwischen Louis und Maria Theresa gedacht, wurde Francesco Cavallis "Ercole Amante" erst zwei Jahre später, im Jahr 1662, uraufgeführt. Und wie von Chronisten überliefert, fand das riesige Spektakel vor 7.000 Höflingen statt – mit dem König als Tänzer. Obwohl der von Mazarin nach Paris bestellte Cavalli alle Register gezogen hatte, um in bester Barockopern-Tradition dem Rahmen den entsprechenden Glanz zu verleihen, nahm man von seinem Fünfakter danach kaum mehr Notiz. Die moderne Wiederauferstehung feierte der "verliebte Herkules" (alias Louis) sodann mehr als drei Jahrhunderte später. In der Amsterdamer Oper und in der Regie von David Alden. Und mit seinen Bühnen- und Kostümbildnern Paul Steinberg und Constance Hoffman griff Alden geradezu verschwenderisch in die Ideenkiste. Für eine überbordend prunkvolle Barockrevue, bei der man um wertvolle goldene Skulpturen genauso wenig herumkam wie um effektvolle Travestieeinlagen.
Dementsprechend ist die Liveaufzeichnung in den ersten Szenen ein Augen- und Ohrenschmaus. Mit Bariton Luca Pisaroni in der Titelpartie, der sich vom schmächtigen König in eine muskelgepackte Rambopuppe verwandelt und sich in so manche weibliche Herzenskammer einschleichen will. Leider nur ist man schnell übersättigt. Von diesem klamaukigen Käfig voller exaltierter Gestalten und parodierter Figuren, die oftmals einen langen Schatten auf Cavallis ariensatte und instrumental facettenreiche Musiksprache werfen. Bei aller Souveränität, mit der die dauerbeschäftigten Sänger die barocke Rhetorik immer strahlend durchlüften, gebührt der eigentliche Lorbeer dem Concerto Köln unter Ivor Bolton. Und zwar für einen royalen Sound, der Würde, Zartheit und eben auch berauschenden Pomp besitzt.

Guido Fischer, 01.05.2010



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