Die Spezialität von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) war die Opéra comique. Aber einmal ging er musikalisch dann doch fremd. Mit seiner Tragédie lyrique "Andromaque". Ursprünglich sollte Grétry 1778 eigentlich die "Iphigénie en Tauride" vertonen. Doch den Stoff hatte sich in Paris kurz zuvor der Ritter Gluck unter den Nagel gerissen. So musste sich Grétry ausgerechnet an einem antiken Stoff abarbeiten, dem Jean Racine in seiner für die französische Klassik wegweisenden Tragödie Gestalt gegeben hatte. Ganz nach dem Geschmack des eher vergnügungssüchtigen Pariser Publikums war das Leidenspanorama um die dauertrauernde Witwe Andromache jedoch nicht mehr. Und so blies Grétrys dreiaktiger "Andromaque" bereits nach der Uraufführung im Jahr 1781 heftig der Wind entgegen. Zumal man sich an dem immensen Einfluss von Glucks Reformopern-Bewegung stieß. Selbst eine eifrige Überarbeitung des Librettos und der Musik sollte nicht viel nutzen, und nach wenigen Wiederaufführungen verschwand das Werk endgültig.
Nun hat der Barockspezialist Hervé Niquet diese Trouvaille ausgegraben und erstmals eingespielt. Und wer bislang glaubte, mit Grétrys musikalischen Komödien wie "L'amant jaloux" und "Zémire et Azor" den Schaffensgipfel des gebürtigen Belgiers zu kennen, der muss umdenken. Denn "Andromaque" ist mehr als nur eine übersehene Randnotiz im Opernrepertoire des späten 18. Jahrhunderts. All die Modernität Glucks hat Grétry hier mit versierter Hand aufgegriffen und mit blühenden Solostimmen- und großen Chorfarben weitergedacht. Niquet nimmt aber "Andromaque" keinesfalls als Gluck-Kopie, sondern als authentischen Grétry. Nirgendwo vermisst man daher – wie noch einst in Paris – etwa die quirligen Arietten. Stattdessen ist man hingerissen und gleichermaßen gefesselt von den dramatischen Innenspannungen, von der lyrischen Anmut und der menschlich-emotionalen Wärme, die fernab aller klassizistischen Strenge dieses Werk zu einem Meisterwerk machen. Neben Niquets sich körper- und gestenreich präsentierenden Musikern vom Ensemble Le Concert Spirituel lassen sich auch die Sängersolisten feinnervig und tonschön auf die Ausdrucksskalen Grétrys ein.

Guido Fischer, 01.05.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top