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Franz Schubert

Die Winterreise

Werner Güra, Christoph Berner

harmonia mundi HMC 902066
(73 Min., 10/2009)

Der Wanderer in Schuberts "Winterreise" ist jung, aber dennoch schon am Ende. Er ist wohl ein gebildeter, jedenfalls ein feinsinniger, sehr sensibler Mensch, der jedoch an einer biedermeierlich einfältigen Gesellschaft scheitert. Bei seiner Fahrt ins ewige Eis droht ihm seine durch Schmerz schon abgestumpfte Empfindungsfähigkeit vollends abhanden zu kommen. Er sucht den Tod, aber der wird ihm durch irgendein abseitiges Schicksal, dessen Urheber er nicht kennt, verweigert. Auch die Natur, in deren Idyll er früher Zuflucht suchte, zeigt sich ihm von der feindseligsten, kältesten Seite. Ihm fehlt jeglicher spiritueller, jeglicher ideeller Halt: "Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!" ruft er aus. Wenn Gott sich nicht blicken lässt in seiner Schöpfung, dann sind seine Geschöpfe dazu verdammt, selbst Gott zu sein – eine schreckliche Bürde.
Seit sich auch die Literaturwissenschaft der "Winterreisen"-Textvorlage von Wilhelm Müller angenommen hat und den Gedichtszyklus sehr überzeugend aus der Perspektive der bedrückenden Restaurationszeit heraus interpretieren konnte, lässt sich Schuberts Zyklus nicht mehr zur missglückten Liebesgeschichte verniedlichen, sondern wächst sich aus zum existentiellen Drama mit beachtlichem Tiefgang. Welch eine Herausforderung für den modernen Interpreten! Christoph Prégardien und Andreas Staier haben 1996 schon einmal gezeigt, wie eine zeitgemäße Darbietung aussehen kann, die der unleugbaren Aktualität des Werkes auch für die Gegenwart gerecht wird. Werner Güra und sein Begleiter Christoph Berner vermögen an diese nach wie vor vollgültige Interpretation anzuknüpfen: Güras Winterreisender ist auf mitreißende Weise verletzt, gehetzt, verzweifelt, zynisch, aufbrausend, haltlos emotional – und er ist all dies sehr differenziert und in schnellem, bisweilen fast nervösen Wechsel. Man meint zu erkennen: Die Interpreten lassen sich ganz vom Text leiten, den sie auch tatsächlich durchdrungen und verstanden haben. Das ist im Liedgesang leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.
Schöngesang wird vor diesem Interpretationshorizont zum Nebenschauplatz – was nicht heißt, dass Güra seine Stimme nicht effektvoll einzusetzen verstünde. Allerdings ist der Hörer niemals über längere Zeit versucht, sich allein dem Schönklang hinzugeben. Immer wieder stört etwas die Behaglichkeit, und das ist gut so, denn die Störung kommt vom Stück selbst her, und die Behaglichkeit, die sie stört, ist jene der biederen Spießer, die eine nette Melodie hören wollen. Nicht aber mit dieser Aufnahme: Für diese "Winterreise" sollte man sich lieber warm anziehen.

Michael Wersin, 01.05.2010



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