Eigentlich ist es ein Unding, dass es von den Balletten John Crankos bis heute nichts auf DVD gibt, obwohl etwa alle drei großen Abendfüller mit Marcia Haydée, Richard Cragun und allen anderen Stuttgartern vom Fernsehen aufgezeichnet wurden. Das liegt freilich nicht an den Firmen, sondern an dem sehr eigenwilligen Erben, der sich eher als Verhinderer denn als Förderer der künstlerischen Hinterlassenschaft seines ehemaligen Lebenspartners sieht, obwohl er damit nach wie vor gehörig Tantiemen einstreicht. Und so gibt es jetzt als jüngste DVD-Version des Prokofjew-Klassikers "Romeo und Julia" wieder nicht Crankos herrlich verspielte, dabei noble, flüssig musikalisch erzählte und von Jürgen Rose wunderschön im stilisierten Renaissance-Gewand ausgestattete Fassung von 1962, sondern die drei Jahre jüngere von Kenneth MacMillan für das Royal Ballet. Die ist in den englischsprachigen Ländern nicht zuletzt durch das Traumpaar Margot Fonteyn (die ihr Alter hier nonchalant wegtanzte) und Rudolf Nurejew populär. Sie wurde bisher mindestens dreimal mit der Originalkompanie aufgezeichnet – im Zuge der Übernahme des TDK-Katalogs (in diesem Fall von medici arts) liegt nun auch die Variante aus der Mailänder Scala aus dem Jahr 2000 neuerlich vor. Ähnlich wie in der sowjetrussisch sanktionierten Fassung von Leonid Lavrovsky ist MacMillan schwerfälliger, steifer, pompöser als Cranko. Wo dessen Soloszenen und Pas de deux auf Einfachheit und Jugendfrische setzen und trotzdem Bewegungsraffinesse und Originalität bieten, da fährt MacMillan die ganze Komplexität seiner Paartänze auf. Zu sehen ist ein in opulent plüschigen Dekors von Nicholas Georgiadis schwelgendes Cinemascope-Verona, in dem die inzwischen von der Bühne abgegangene mädchenhafte Scala-Primaballerina Alessandra Ferri mit ihrem langjährigen American-Ballet-Theatre-Partner, dem geschmeidigen, damals 25-jährigen Spanier Angel Corella gute Figur machen.

Matthias Siehler, 22.05.2010



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