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Friedrich Gernsheim

Klavierquartette Nr. 1 u. 3

Diogenes Quartett, Andreas Kirpal

Brilliant Classics/Medienvertrieb Heinzelmann 93997
(67 Min., 8/2007)

Manche Biografien hinterlassen eigenartigerweise nur weiße Flecken im dichten Netzwerk der vielfältigen Beziehungen großer Persönlichkeiten. Oft ist die bewusste Ausradierung von Spuren einer der Gründe für dieses Phänomen – so scheint es auch im Fall des jüdischen Pianisten, Dirigenten und Komponisten Friedrich Gernsheim (1839-1916) zu sein: Er war Schüler u. a. von Ignaz Moscheles und Moritz Hauptmann, war eng befreundet mit Max Bruch und Johannes Brahms, begegnete im Zusammenhang mit seinen unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten zudem einer Vielzahl von großen Gestalten des Musiklebens im 19. Jahrhundert, darunter auch Anton Bruckner und Gustav Mahler – und dennoch ist er heute weitgehend unbekannt, totgeschwiegen und hinsichtlich seines kulturellen Einflusses in den Jahren des Nationalsozialismus verleugnet und danach niemals wieder umfassend gewürdigt.
Dass sich das dringend ändern müsste, belegt eindrucksvoll die vorliegende Ersteinspielung des ersten und dritten Klavierquartetts von Friedrich Gernsheim: Wir hören in der engagierten und hochkompetenten Interpretation durch das Diogenes-Quartett mit Andreas Kirpal am Klavier zwei großartige romantische Kammermusikwerke, das eine ein wenig im Dunstkreis von Mendelssohn beheimatet, das andere deutlich von Brahms beeinflusst – aber dennoch handelt es sich um zwei ganz eigenständige Werke voller musikalischer Schönheiten, die sich im Rahmen einer sehr klaren und konsequent durchgestalteten strukturellen Anlage entfalten. Wäre hier Platz für eine musikwissenschaftliche Abhandlung, dann müsste man von der kompositorischen Qualität der Musik Gernsheims sprechen. Stattdessen sei hier die wunderbare Klangschönheit und faszinierende Melodienfülle der beiden Werke angepriesen, erstklassig zur Geltung gebracht von den fünf Musikern des 1996 in München gegründeten Ensembles.

Michael Wersin, 29.05.2010



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