Schon traurig, wie es derzeit um den Verdi-Gesang bestellt ist: Nicht einmal die gemeinschaftlichen Kräfte von Londons Covent Garden und Madrids Teatro Real reichten vor zwei Jahren offenbar aus, um für ihren "Ballo in maschera" eine Besetzung zusammenzubringen, die es auch nur halbwegs mit dem Verdi-Glanz vergangener Dekaden hätte aufnehmen können. Natürlich singen Marcelo Álvarez, Violeta Urmana und Marco Vratogna nicht schlecht, aber sie alle singen eben nur deshalb Verdi, weil derzeit niemand Besseres in Sicht ist. Was Álvarez an Resonanz im tiefen Register mangelt, fehlt Urmana an Leichtigkeit und Glanz in der Höhe, und der einfarbige Bariton von Marco Vratogna klingt eher nach einem Schreibtischtäter als nach einem Attentäter. Ein Haufen Verlegenheitslösungen (zu denen auch Elena Zarembas mittlerweile heftig tremolierende Ulrica gerechnet werden darf), von Jesús López Cobos mit gebremstem Feuer durch den Abend gelotst. Vielleicht wären diese Defizite nicht so stark ins Gewicht gefallen, wenn ein zupackender Regisseur aus den Sängern wenigstens das darstellerische Charisma herausgekitzelt hätte, das ihren Stimmen fehlt. Doch Mario Martones Inszenierung verlegt das Geschehen zwar in die Entstehungszeit des Stücks, liefert aber kaum mehr als einen Rahmen für kreuzbraves Rumstehtheater. Was umso bedauerlicher ist, als alle Sänger in anderen Produktionen gezeigt haben, dass sie durchaus spielwillig sind.

Jörg Königsdorf, 19.06.2010



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