Vor zwei Jahren erfüllte sich Nikolaus Harnoncourt einen Lebenstraum. Er wollte gerne Mozarts Sturm-und-Drang-Oper "Idomeneo", mit der er selbst vor 30 Jahren in Zürich seinen ersten fulminanten Mozartzyklus begann, noch einmal dirigieren. Ganz nach seinen Regievorstellungen (und denen von Sohn Philipp), in der authentischen und ungekürzten Fassung der Münchner Uraufführung von 1781 – und mit allen Balletteinlagen, die in dieser durchaus französisch inspirierten Seria-Oper, die sich zudem vehement aus dem Prokrustesbett ihrer starr überkommenen Arienform löst, integraler Bestandteil der Handlung sind. Dafür scharte er bei der styriarte, seinem Quasi-Privatfestival in Graz, alle seine Getreuen um sich: Concentus Musicus und Arnold Schoenberg Chor folgen ihm blind und – anders als auf der etwas zu harschen, zu atemlos überstürzten Aufnahme von 1984 – interpretieren hier noch einmal in intellektuellem wie künstlerischem Gleichklang Mozarts erste reife Oper mit hoch schäumendem, aber immer auch kontrolliertem Temperament. Eine selten geschlossene Leistung ist nun auf zwei DVDs samt "Making-of" wie ein Buch verpackt als Eigenprodukt der styriarte erschienen. Die Musik umfängt und geleitet so das junge, frische Sängerensemble nicht wirklich distinguierter Mozartstimmen, in die sich die scharfen Töne von Eva Meis lodernder Elektra mischen. Die Szene mit Rolf Glittenbergs Säulenstümpfen auf Schiebeflächen ist schlicht und praktisch – gedeutet wird nur durch die Noten. Und durch die kraftvolle, meist armenische Männertruppe Heinz Spoerlis, die hier in neoklassischem Bewegungsidiom roh und kraftstrotzend die Muskeln zeigen darf. Poseidons Zorn, die Freude wie Verzweiflung der Kreter und auch die finalen Krönungszeremonien mit der langen, hier sinnfälligen Chaconne wirken einmal nicht angestückelt, sondern als natürliche Fortsetzung der Handlung in einer tänzerischen Dimension.

Matthias Siehler, 19.06.2010



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