Live produziert im März 2009 in Warschau, belegt diese Einspielung der h-Moll-Messe einmal mehr die beträchtlichen Schwierigkeiten, die dieses Werk in puncto Zusammenspiel bietet: Heikle Koloraturstrecken gelingen selbst professionellen Kräften wie den hier versammelten nicht immer gleich mit makelloser Akkuratesse, gefürchtete Passagen wie etwa der "Et expecto"-Übergang bleiben problematisch, und eine wirklich betörend strahlende Intonationsreinheit z. B. in den wogenden D-Dur-Welten des "Sanctus" ist wohl nur im Studio zu erreichen. Kleinere oder auch vereinzelte mittlere Makel in der Ausführung wären indes verzeihlich bei einer ansonsten wirklich fesselnden Verwirklichung dieser faszinierenden Partitur. Leider bleibt die Freude des Rezensenten aber auch in dieser Hinsicht eine sehr verhaltene: Der mit rund 30 professionellen Sängern nicht allzu stark besetzte Chor lässt es häufig an rhetorischer Eindringlichkeit fehlen. Das von Daniel Reuss einstudierte Ensemble verobjektiviert die zu verkündende Botschaft allzu sehr durch seinen recht homogenen, durchaus warmen Klang, der allerdings oft zulasten der sprachlichen Intensität geht. Die Sprache sollte aber im Zentrum des Interpretationsprozesses stehen – sie hat dem Hörer die von Bach umfassend in Musik gegossene Theologie zu vermitteln. Und eine ernsthaftere Rekapitulation des Inhaltes, der hinter den Worten steht – dies betrifft jetzt vor allem auch den Dirigenten Frans Brüggen –, hätte womöglich auch dazu geführt, dass die eine oder andere Stelle (so etwa das erste "Et expecto" oder der Schluss des "Crucifixus") noch eindrucksvoller gelungen wäre. Mit anderen Worten: Es fehlt das Gänsehaut-Potenzial, die besondere atmosphärische Dichte, die eine niveauvolle Einspielung zu einer wirklich mitreißenden Spitzenaufnahme macht.

Michael Wersin, 26.06.2010



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