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Karen Khatchaturian

Cipollino

Orchester des Bolschoi-Theaters, Alexander Kopylov

Melodiya/Codaex MEL 1001628
(90 Min., 1977) 2 CDs

Um "Hänsel und Gretel" scheren sich russische Kinder weder zur Weihnachtszeit noch sonst, doch wenn der Winter naht, dann ist auf allen Bühnen des Landes ihr liebstes Theatervergnügen ein kleiner Zwiebeljunge. "Cipollino" nennt sich sehnsuchtsvoll fremdländisch ein Märchenballett, das auf einem italienischen Kinderbuch aus den Fünfzigern von Gianni Rodari beruht. Im scheinbar harmlosen Gemüsegewand wird hier von der Unterdrückung eines Landes erzählt, wo das vegetative Fußvolk von den höheren Obst- wie Gemüseklassen, von Prinz Zitrone und Signore Tomato regiert wird. Am Ende siegt natürlich das fleischlose Proletariat. Die Geschichte war in Russland so populär, dass sie 1974 in ein kunterbuntes Kinderballett verwandelt wurde. Karen Khachaturian, Neffe von Aram, Schüler von Schebalin, Schostakowitsch und Miaskowsky, selbst Komponist von über 40 (Zeichentrick-)Filmmusiken und der Nationalhymnen von Sansibar und Somalia, der bereits 1961 an einem "Cipollino"-Cartoon beteiligt war, schrieb die ebenfalls farbenfrohe Musik. Genrik Alexandrovich Maiorov choreografierte, Premiere war in Kiew. Doch bald hatten sich der Rote Rettich, Gevatter Kürbis, die kleine Kirsche und das freche Zwiebelchen auch dank der eingängigen Rhythmen und simplen Melodien die anderen Bühnen erobert. Die Tänzer am Bolschoi Theater nennen die bis heute dort gezeigte Version wegen ihrer virtuosen Formationen auch "Spartakus für Kinder". Der autoritäre Herrschaftsstaat der Früchte versucht dem friedliebenden Gemüse auch musikalisch das Leben zu versauern: Dass Khatchaturian im Stalinismus an der Seite von Schostakowitsch aufgewachsen ist, hört man dabei Note für Note.

Matthias Siehler, 03.07.2010



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