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Johannes Brahms

Lieder, Teil 1

Angelika Kirchschlager, Graham Johnson

Hyperion/Codaex CDJ 33121
(71 Min., 8/2008)

Unermüdlich schreitet Graham Johnson voran auf seinem enzyklopädisch angelegten Aufnahmeweg durch das Kunstliedrepertoire: Mit dieser CD beginnt offenkundig eine Gesamteinspielung des Liedschaffens von Johannes Brahms, begleitet wie gewohnt von einem aufwendigen (einsprachig englischen) Beiheft mit ausführlichen Kommentaren zu den einzelnen Liedern. Der österreichischen Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager wird die Ehre zuteil, die Brahmsreihe zu beginnen. Johnson teilte ihr eine breitgefächerte Liedauswahl zu: Bekanntes wie "Von ewiger Liebe", "Meine Liebe ist grün" oder "Feldeinsamkeit" steht neben Unbekanntem, und das Programm schließt mit drei Nummern aus den "Deutschen Volksliedern", darunter das dialektale "Och Moder, ich well en Ding han!".
Kirchschlager widmet sich den Liedern von Brahms mit einem üppig warmen, dunkeln Timbre, das in seiner Intensität an Brigitte Fassbaenders unvergessliche (und unvergleichliche) Brahmsinterpretationen erinnern mag, ohne jedoch an diese heranzureichen: Wo Fassbaender mit sehr direkter Stimmgebung und sprachlich überaus prägnant höchst atmosphärisch herumzigeunert, ohne sich etwa um ihren Registerbruch zu scheren, da taucht Kirchschlager ganze Gesänge in eine vergleichsweise eindimensionale klangliche Soße, in der viele sprachliche und melodische Details ertrinken. Zahllose Töne werden gestaut angesungen und dann druckhaft crescendiert, egal ob es sich um einen akzentuierten Wortteil oder um eine Nebensilbe handelt. Diese Technik konterkariert echtes Legato und lässt den Text immer wieder zur Beigabe verkommen, obwohl dieser doch im Vordergrund stehen sollte – schließlich stand er ja auch am Beginn des Kompositionsprozesses. Hinzu kommen Probleme mit dem Piano in höherer Lage (man höre diesbezüglich "Gold überwiegt die Liebe") und gelegentliche Intonationsschwächen. Kein Zweifel: Kirchschlagers Stimme ist in den letzten Jahren merklich nachgereift, und das nicht unbedingt zum Vorteil ihrer Sangeskunst. Mehr Natürlichkeit und ein direkterer Umgang mit dem Wort wären dringend angesagt.

Michael Wersin, 07.08.2010



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