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Franz Schubert

Klaviersonaten D 958-960

Alfredo Perl

Celestial Harmonies/Naxos 143042
(114 Min., 4 u. 12/2005, 8/2006) 2 CDs

Sind wir nicht all der Seelenerkundungswege durch Schuberts Abgründe müde, scheint uns Alfredo Perl in seiner seriösen Lesart der letzten drei Sonaten ständig zuzuflüstern. Ist da nicht ebensoviel logische Entwicklung? Er scheint es beweisen zu wollen, trägt die dynamische Kraftgeste, mit der die c-Moll-Sonate beginnt, ins Seitenthema hinüber und hält kaum inne bei den Farbwundern mediantischer Verschiebungen. Auch die fast aggressiven, durchführungsartigen Strömungen in der Exposition der A-Dur-Sonate meißelt er mit ungewöhnlicher Entschiedenheit aus. In den Kopfsätzen mag man dieser gradlinigen Lesart folgen. Im Adagio der c-Moll-Sonate indes sind die ungeheuerlichen Modulationen, die wie Fragen in die Generalpausen ragen, Ausblicke ins Unendliche. Perl aber geht darüber hinweg, als seien auch diese Augenblicke einer quasi Beethoven'schen Entwicklungslogik unterworfen, bloße Farbwerte, deren Zauber keine Wirkung auf das Satzgeschehen hat. Doch geht dieser Musik Wesentliches verloren, wenn man sichere Planken über die Abgründe legt. Wie unheimlich etwa die schweifenden Modulationen der Finale-Tarantella sind, man überhört es nicht nur, man fragt auch kaum, warum Schubert hier kompositorische Mittel entwickelt, die über alles hinausgehen, was in seiner Zeit zu hören war. Das Finale der A-Dur-Sonate kann man kaum mehr anders hören denn als prototypische Schubert'sche Wanderer-Erzählung, die an die Gestade der Verzweiflung und des Zerbrechens führt. Perl verweigert sich dieser Perspektive. Aufs Penibelste folgt er dem Text, wir hören all die Ritardandi und die gähnenden Generalpausen, aber sie scheinen nichts zu bedeuten. Der Satz bewahrt seine ungefährdet strömende Balance, als sei er nicht mehr als der weitschweifige Abkömmling des Beethoven'schen Vorbilds. Dieses Überspielen "ereignishafter" Momente setzt sich in der B-Dur-Sonate fort, und am Ende muss man feststellen, dass es nicht genügt, Schuberts Spätwerk im Lichte eines milden Klassizismus zu hören.

Matthias Kornemann, 07.08.2010



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