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Jules Massenet, John Lanchbery

Manon

Royal Ballet, Orchester der Oper Covent Garden, Martin Yates, Kenneth MacMillan

Decca/Universal 074 3346
(117 Min., 10-11/2008) 2 DVDs

Sie hat einen weiten Weg hinter sich, die Manon Lescaut des Abbé Prévost, die 1731 als Romanfigur erfunden wurde. Ihre Geschichte vom unschuldigen Provinzding, das sich in den Studenten Des Grieux blitzverliebt, obwohl ihr geldgeiler Bruder sie an einen reichen, aber alten Steuerpächter verkuppelt hat, wurde zum Archetyp des Materials "Girl mit Restherz". Als Prostituierte verhaftet, landet sie am Ende in den Sümpfen von New Orleans, wo sie schön dramatisch dahinstirbt. Diesen Stoff haben sich auch die Oper, das Ballett und der Film nicht entgehen lassen. Kenneth MacMillans allzu englisch verplüschte Tanzadaption für das Royal Ballet steht und fällt freilich mit dem Protagonistenpaar. Bei der Uraufführung 1974 hieß es Antoinette Sibley und Anthony Dowell, da mischten sich Sex und Charakter, besonders in den fünf großen, sehr unterschiedlich-komplexen Pas de deux, für die MacMillan berühmt ist und die auch diese etwas überlangen, mit nicht enden wollenden Kurtisanentänze auszeichnen. Dowells Interpretation an der Seite der etwas kühlen Jennifer Penney wurde 1982 für die Kameras festgehalten, jetzt gibt es eine neue Aufnahme aus London mit dem Decca-Exklusivkünstler, dem Kubaner Carlos Acosta, der der porzellanhäutigen Spanierin Tamara Rojo zu Füßen liegt. Beide machen ihre Handlungsballett-Sache ausgezeichnet, sind glaubwürdig und technisch exzellent. José Martin ist ein schön schmieriger Operetten-Lescaut und Laura Morera kokettiert sich durch die Rolle seiner Geliebten. In der Uraufführung (und im 82er-Film) war das Monica Mason. Die ist jetzt Royal-Ballet-Direktorin und gibt in einer 45-minütigen Bonus-Dokumentation mit den Protagonisten Aufschlussreiches zur Rollengestaltung zum Besten. Weil der "DTS 5.1"-Surround-Ton die kitschige, aus diversen Massenet-Musiken zusammengestückelte Partitur so schön aufrauschen lässt und weil das Bild so knackig klar ist, dass selbst Nicholas Gorgiadis’ mottige Dekorationen glamourös aussehen, ist das ein uneingeschränktes Vergnügen für die Freunde altmodisch ausufernder, aber modern interpretierter Ballette.

Matthias Siehler, 07.08.2010



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