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Franz Schubert

Sinfonien Nr. 7 ("Unvollendete") und 8 ("Große C-Dur-Sinfonie")

Schwedisches Kammerorchester, Thomas Dausgaard

Bis/Klassik Center BISSACD-1656
(79 Min., 10/2006 u. 12/2007)

Was der 47-jährige Thomas Dausgaard bislang bei Beethoven und Schumann mit unserem sinfonischen Hausaltar angestellt hat, übertrifft die Pioniertaten seiner "historisierenden" Lehrer Harnoncourt, Gardiner und Norrington nochmals um einige Grade an Radikalität, um nicht zu sagen an hinreißender Unverfrorenheit gegenüber der Tradition. Dass neuartiges, "ungebührliches" Anecken den Kanon viel eher am Leben hält als brave Ehrfurcht vor ihm, das demonstriert der Däne nun auch bei Schuberts letzten beiden Sinfonien (die seltsamerweise immer noch auf manchen Covers falsch nummeriert werden). Zählt das Unisono-Streicherbass-Thema und die kreisende Violinfigur mit der klagenden Oboen-Klarinetten-Melodie zu Beginn der "Unvollendeten" (Nr. 7) gemeinhin zum dunkel Raunendsten, Schicksalsschwersten (und Schleppendsten!) der sinfonischen Literatur, so setzt Dausgaard diesen unverwechselbaren Neubeginn der romantischen Sinfoniegattung geradezu unter hypnotische Spannung. Schon sein atemlos drängender Dreiachtel-Puls macht klar: Alle folgenden Gesangsmomente sind nur kurze Lichtblicke inmitten einer finster dräuenden Katastrophe. Kaum jemals wurde das Schlagwort vom "zerrissenen" Schubert so evident wie hier, wo die schmerzlich schönen Kantilenen abrupt im Nichts enden und/oder von kurzen, unbarmherzigen Fortissimo-Schlägen zertrümmert werden, denen nur noch traumatisierte Generalpausen folgen. Das Andante con moto wiederum versteht Dausgaard nicht als beschaulich-dahindämmernden Paradiesgarten, sondern als in sich gekehrtes, filigranes Psychogramm, dessen kammermusikalische Raffinesse ihresgleichen auf dem Plattenmarkt sucht. Eine derart faszinierende Innovation des Altbekannten erfährt die "Große C-Dur-Sinfonie" (Nr. 8) zwar nicht. Das ändert jedoch nichts an der überwältigenden Ausdrucksfülle unter Dausgaards kompromisslosem Zugriff. In den drei Allegro-Sätzen inszeniert der Däne einen geradezu übermütig sprudelnden, kraftstrotzenden Furioso-Tanz – so, als würde Schubert in seinem Todesjahr alles innere und äußere Elend mit einem Schlag hinwegjubeln wollen. Dass das 38-köpfige Schwedische Kammerorchester eines der Besten seines Faches ist, zeigt ein bis ins Letzte ausgetüftelte Klangfarbenspiel im Andante con moto, in dem dynamische Wendigkeit und schlanke Stimmführung eine wunderbare Symbiose eingehen. Wer glaubt, der Preis dafür sei mangelnde Schlagkraft, der höre sich nur den berühmten Kulminationspunkt dieses Satzes an: Schuberts Verzweiflung kann kaum packender als in diesem orchestralen Aufschrei aus Örebro zu Gehör gebracht werden.

Christoph Braun, 14.08.2010



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