Das exakt ablaufende Musikmaschinenzeitalter erlebte seine erste goldene Epoche in den Zwanzigerjahren, als sich Komponisten wie Strawinsky und Hindemith von der mechanischen Virtuosität des Pianolas anstecken ließen. Aber der eigentliche Urknall folgte erst 20 Jahre später. Mit dem Amerikaner Conlon Nancarrow, der mit seinen "Studies" für Selbstspielklavier alle klassischen Vorstellungen von Klang, Zeit und Raum pulverisierte. Für jedes menschliche Pianistenwesen unfassbare surreale High-Speed-Gebilde und komplexe Energieverdichtungen hatte da Nancarrow komponiert und minutiös in die Lochstreifenrollen gestanzt. Und wie visionär er damit das Musikzeitalter beschleunigen sollte, zeigte sich nicht zuletzt im Schaffen György Ligetis, der später zum Entdecker Nancarrows wurde. Ganz im Geiste Nancarrows stehen dafür auch sieben polymetrisch hyperventilierende Klavieretüden Ligetis, die für Player Piano eingerichtet worden sind. Und selbst Ligetis diabolisches Dauer-"Continuum" trägt diesmal keinen Cembalisten aus der Kurve, sondern wird vom Player Piano mit schweizerischer Uhrmacherpräzision abgespult.
Auch wenn diese Transkriptionen u. a. vom Player-Piano-Kenner Jürgen Hocker noch von Ligeti abgesegnet wurden, verlaufen sie in ihrer spieltechnisch makellosen Monströsität jedoch dauerhaft ähnlich im Sande wie die gleichfalls aufgenommenen Originalkompositionen. Denn das ursprünglich schwer zu stemmende, aber eben reizvolle Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Motorik schlägt nun ins nüchtern Artistische um. Die "12 Formen" von Kiyoshi Furukawa sind in ihrer verschachtelten Tempo-Komplexität nur noch ein konzentriertes Abbild von Nancarrows "Studies". Gleiches gilt für die Accelerandi und Repetitionskaskaden in "playmaniac" für zwei Player Pianos von Gerhard Stäbler. Und Francis Bowdery erinnerte immerhin mit seinem halbminütigen "Canon" auch an die ersten Stunden des Musikmaschinenzeitalters – als Strawinsky das Pianola herausforderte.

Guido Fischer, 04.09.2010



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