René Jacobs ist sich auch dieses Mal treu geblieben: Kaum ein Takt seiner "Zauberflöte" vergeht, in dem man den scheinbar altvertrauten Klassiker nicht auf eine neue, irritierend-erhellende Weise hört. Das geht schon mit der Ouvertüre los, die bei Jacobs nicht nur von alerter Festlichkeit kündet, sondern schon die zwischen Zaghaftigkeit und Emphase schwankenden Gefühle der anstehenden Prüfung ausmalt. Oder, vielleicht am markantesten, Paminas "Ach, ich fühl's", das mit seinem raschen Tempo eine zarte Empfindsamkeit offenbart und so tatsächlich zum Gefühlshaushalt eines jungen Mädchens passt. Noch stärker als bei Jacobs' bisherigen Mozart-Opernaufnahmen ist in der "Zauberflöte" das Orchester der Motor des Geschehens und mischt sich (inklusive geistreicher Zutaten des Hammerflügels) sogar in die Dialoge ein, die endlich einmal in voller Länge zu hören sind. Tatsächlich ist diese Einspielung weniger eine Oper als ein großes Hörspiel mit Musik, bei der die Arien weniger opernhaft gesungen werden und die Dialoge näher an der Oper sind als üblich. Das hat natürlich seinen Preis: Vokale Kulinarik steht hier nicht an erster Stelle und Marcos Finks fettfreier Sarastro etwa kann es an schierem Wohlklang ebenso wenig mit Bassgiganten á la Gottlob Frick aufnehmen wie Daniel Behles Tamino mit Wunderlich & Co. Doch dafür wird der Hohepriester hier zum Menschen und der Prinz zu einem Jüngling, in dessen heller, schlanker Stimme sich Verzagtheit, erste Liebe und Selbstvertrauen spiegeln. Diese Aufnahme ist keine Mozart-Hitparade, sondern ein quicklebendiges Stück Musiktheater.

Jörg Königsdorf, 18.09.2010



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