Responsive image
Peter Iljitsch Tschaikowski, Franz Liszt

Klavierkonzerte Nr. 1

Alice Sara Ott, Münchner Philharmoniker, Thomas Hengelbrock

DG/Universal 477 8779
(54 Min., 11/2009)

Nein, nicht schon wieder dies Stück! Viele Musikliebhaber werden, und da darf man ihnen absolut keinen Vorwurf machen, leicht enerviert reagieren auf diese Platte mit Tschaikowskis b-Moll-Schlachtross. Und selbstredend ist die Frage gestattet, ob die Welt die geschätzt 777. Aufnahme dieses nicht unterzukriegenden Klassikers wirklich auch noch braucht. Allein, bei der Antwort dieser Frage ist Vorsicht geboten. Man sollte zunächst hören, dann urteilen – und zu dem Ergebnis gelangen: Eine Jahrhundertinterpretation ist es nicht, die Alice Sara Ott und die von Thomas Hengelbrock geleiteten Münchner Philharmoniker vorgelegt haben. Dafür mangelt es der Pianistin doch noch an technischer Meisterschaft. Aber es ist in jedem Fall eine besondere Interpretation. Weil sie Umwertungen im Werk vornimmt. Weil sie das Stück auch als Ganzes anders beurteilt, in einen anderen Kontext stellt. Zwar ist das Dramatische keineswegs suspendiert. Aber es ist zurückgedrängt zugunsten einer lyrisch-elegischen Konstante, die alle drei Sätze durchzieht wie ein roter Faden. Hier wird der Kammermusiker Tschaikowski gewürdigt, nicht der vorlaute Sinfoniker. Die Wolken sind gleichsam vertrieben, das Konzert erscheint unter freiem sonnigen Himmel als eine Ballade über die Schwermut, die aber deswegen nicht durchgängig schwermütig sein muss. Da ist viel Licht im Spiel sowohl bei der jungen Solistin als auch im Orchester, viel Transparenz, eine wohltuende Clarté. Und noch etwas zeichnet diese Wiedergabe aus: Es ist der Ton der Nachdenklichkeit, der Reflexion, und ein bisschen auch der Subversion. Seine Bestätigung findet dies in allen Punkten in Liszts erstem Klavierkonzert. Womit festgestellt sei: Dieses Stück und auch das andere gerne wieder, wenn es denn so kultiviert und intelligent gespielt ist.

Jürgen Otten, 25.09.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Im Italien des 19. Jahrhunderts ist für Instrumentalisten nicht viel zu holen. Die großen Komponisten dieser Zeit: Alle schrieben sie Oper. Verdi, Puccini, Rossini, Donizetti, es ist zum Verzweifeln (zumindest aus Sicht der Kammermusik- und Orchesterfreunde)! Doch muss man nur ein wenig Schatzgräber-Instinkt mitbringen und gründlich suchen, wie es die Münchener Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem für ihre Debüt-CD bei Sony getan haben, und man stößt doch auf die eine oder […] mehr »


Top