Eine Sternstunde der Aufnahmegeschichte: Den berühmten Bayreuther Clemens-Krauss-"Ring" von 1953 gibt es schon seit längerer Zeit in Form von diversen Raubkopien käuflich zu erwerben. Nun allerdings entstand in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk, der die Originalbänder archiviert hat, eine mit modernsten Mitteln bearbeitete Version für die vorliegende Ausgabe. U. a. wurden störende Nebengeräusche wie Bühnenlärm und auch Bandrauschen akribisch beseitigt. Außerdem erhält der Käufer dieser Box auch ein opulentes Beiheft mit einem ausführlichen Einführungstext, einer Synopse der Handlung und Fotografien aller beteiligten Künstler. Und diese lange Galerie in Schwarz-Weiß ist auch der Schlüssel zur Großartigkeit dieses "Ring"-Mitschnitts: Kein Wagnersänger von Rang fehlt in der Besetzungsliste, und was die CDs an akustischen Eindrücken vom Können dieser Bühnenheroen vermitteln, jagt einem viele Male Schauer über den Rücken. Da ist etwa Gustav Neidlinger in seiner Paraderolle als Alberich: Wer hätte jemals soviel stählerne Stimmkraft und auf diesem Wege so viel verzweifelte Bosheit in der Fluchszene entfaltet wie er? Da ist Astrid Varnay als übermenschlich gewaltige Brünnhilde, da ist Hans Hotter, dieser exzeptionelle Wotan, auf dem Höhepunkt seiner vokalen Fähigkeiten, da ist, gleichfalls optimal disponiert, der 40-jährige Wolfgang Windgassen als einzigartiger Siegfried. Ein Vergleich mit heutigem Wagnergesang erübrigt sich in den meisten Fällen – die Stimmen der Alten sprechen unmissverständlich für sich. Clemens Krauss, der im Jahre 1954 unerwartet verstarb, hat vermutlich nicht gewusst, dass dies sein einziger Bayreuther "Ring" bleiben würde. Nichtsdestotrotz hat er bei dieser Produktion alles gegeben, was er zu bieten hatte: Eine ungeheure Stringenz und Klanggewalt bei gleichzeitig hoher Transparenz bestimmt das instrumentale Geschehen im Orchestergraben, und die Sänger werden durchweg engagiert und aufmerksam begleitet, ohne dass der Instrumentalpart jemals an Kontur verlöre. Auf allen Ebenen ein großartiger "Ring", optimal geeignet auch für Wagner-"Einsteiger", denn sie bekommen mit der Musik als solcher gleich ein wichtiges Stück Interpretationsgeschichte mitgeliefert.

Michael Wersin, 25.09.2010



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