Dass die Stoffe von Barockopern ein Ausbund an dramaturgischer Finesse sind, dürfte wohl niemand ernsthaft behaupten. Für das "wahre Leben" in dem oftmals schematisch ablaufenden Geschehen war daher schon immer die Musik zuständig. Einer, der selbst belangloseste Handlungsstränge in funkensprühende Lunten verwandeln konnte, war natürlich Georg Friedrich Händel. Und so machte er von Beginn an, mit der Arie "Chiudetevi, miei numi", seine Antikenoper zu einem Seelenkrimi zwischen Himmel und Hölle. Händels "Admeto" beweist seine Stärke auch dann, wenn er szenischen Einfällen und Einrichtungen trotzen kann, die gerade in jüngster Zeit auf ihn einprasselten. Erst 2006 ließ die klamaukige Inszenierung von Axel Köhler bei den Händelfestspielen Halle die Oper völlig ins Leere laufen. Und drei Jahre später, bei den Göttinger Händelfestspielen, verweigerte sich "Admeto" einem Kulturtransfer, bei dem Doris Dörrie die Handlung kurzerhand an den japanischen Hof des 17. Jahrhunderts verlegte.
Butoh-Tänzer des Mamu Dance Theatre, Licht- und Schattenspiele sowie exquisit geschneiderte Kimonos sorgen natürlich auf den ersten Blick für asiatisch-exotischen Chic. Doch Dörrie wollte sich nicht eindeutig festlegen, ob es nun auf eine Travestie hinauslaufen sollte, oder doch eher auf eine minimalistisch strenge, alle Blutadern einschnürende Bilderwelt, die nur die Musik sprengen kann. An dieser Unentschiedenheit laboriert sie also drei Stunden lang und unter dem Strich kommen Herkules als singender Sumo-Ringer oder Alceste als Geisha einfach nur schlecht verkleidet daher. Man muss zwar kein Freund von der schablonenhaften Statuarik sein, mit der etwa Regisseur Robert Wilson Körpergesten und Szenen einfriert – aber im Gegensatz zu Dörrie ist Wilsons Bühnensprache radikal und konsequent. Immerhin das von Nicholas McGegan kundig eingestellte FestspielOrchester Göttingen kann Händels unverwüstliche Modernität plastisch und rhythmisch agil deutlich machen. Und auch das von Tim Mead angeführte Sängerteam ist der hörbare Beleg, warum die Barockoper weit mehr ist als eine Spielwiese für Hobbyregisseure.

Guido Fischer, 02.10.2010



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