Der Schatten Karajans reichte bis 2008. So lange, nämlich 38 Jahre, dauerte es, bis die Salzburger Festspiele sich trauten, seinem legendären "Otello" von 1970 eine Neuproduktion nachfolgen zu lassen. Offenbar aber war der Respekt vor Karajan auch fast 20 Jahre nach seinem Ableben noch so groß, dass man im Salzburger Festspielhaus eine Inszenierung auf die Bühne brachte, die auch der in Regiedingen notorisch konservative Jahrhundert-Maestro goutiert hätte. Denn so sehr sich die Bildregie mit Close-Ups und klugen Schnitten auch um Abwechslung bemüht, kann sie doch nicht verbergen, dass der britische Regisseur Stephen Langridge nicht mehr bietet als dekoratives Rumstehtheater mit Wams und Degen. Oder ob die Langeweile auf der Bühne der Rücksicht auf den ebenfalls nicht gerade progressiven Riccardo Muti geschuldet war? Der entschädigt immerhin mit seinem bisher besten "Otello"-Dirigat: Das alte Muti-Feuer ist noch da, doch inzwischen kommen auch subtilere Nuancen hinzu, die die Wiener Philharmoniker berückend klangschön umsetzen. Ein Luxusrahmen, in dem man sich einen Titelhelden von der Rollenerfahrung eines Plácido Domingo gewünscht hätte. Der junge Lette Aleksandrs Antonenko dagegen überzeugt zwar darstellerisch als stiernackiger, dumpf brütender Mohr, singt die Partie bei seinem Rollendebüt aber lieber auf Nummer sicher. Da auch Carlos Álvarez seinen Jago mit robuster Routine absolviert, findet Marina Poplavskayas Desdemona kein echtes Gegenüber. Die Russin ist das Glanzlicht dieses "Otello": Eine Sängerin, die bis in die edelmürben Spitzentöne und hauchzarten Pianissimi hinein ganz in ihrer Rolle aufzugehen scheint. Und die damit für diese Produktion fast schon zu schade ist.

Jörg Königsdorf, 02.10.2010



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