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Johann Sebastian Bach

Die Brandenburgischen Konzerte

La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Accent/Note 1 ACC 24224
(98 Min., 10/2009)

Die historisierende Aufführungspraxis befindet sich, auch wenn sie mittlerweile schon auf jahrzehntelangen Erfahrungen vieler Musiker basiert, auch weiterhin in Entwicklung. Abschließende Ergebnisse sind mangels exakter Kenntnisse der genauen historischen Situation ja ohnehin nicht zu erwarten, aber es können Rahmenbedingungen präzisiert werden. Sigiswald Kuijken, stets bereit zu Pionierleistungen, hat sich unter diesem Gesichtspunkt noch einmal die "Brandenburgischen" vorgenommen. Konsequent musiziert er – er selbst – die Basslinie der Concerti auf einem Violoncello da spalla, einem an der Schulter gehaltenen Cello, dass er seit einigen Jahren mit Nachdruck als historisch korrekt protegiert. Zusätzlich spielt ein Violone, allerdings in 8-Fuß-Lage: Die vertraute 16-Fuß-Basis fehlt in dieser Aufnahme, Kuijken führt im Beihefttext aus, dass Bach selbst dies seiner Ansicht nach so wünschte. Ferner plädiert Kuijken für die konsequente Einfach-Besetzung aller Partien – das ist nicht ganz neu, u. a. Joshua Rifkin hat das auch schon so praktiziert. Die wichtigste Besonderheit ist die Besetzung des Trompetenparts im zweiten Konzert: Hier spielt Jean-François Madeuf auf einer Trompete ohne Intonationslöcher. Dieses Instrument ist zweifellos original; die Intonationslöcher sind eine unhistorische, 'moderne' Erfindung, durch die der ohnehin höllisch schwierige Part ein wenig leichter beherrschbar wird. Kaum ein Trompeter außer Madeuf würde sich gegenwärtig an eine Aufführung des zweiten Konzerts ohne dieses Hilfsmittel wagen. Insofern werden wir in dieser Aufnahme Zeugen einer wahrhaft grandiosen Leistung. Das akustische Endergebnis ist freilich ein kleiner Rückschritt: Es gibt einige Unsauberkeiten und klangliche Unebenheiten, die auf den 'gelöcherten' Trompeten mittlerweile sehr gut vermeidbar sind. Aber, Hut ab: Um der Sache Willen ist es den Aufwand wert, und womöglich wird man in zehn oder zwanzig Jahren diese 'vollhistorischen' Instrumente ebenso perfekt beherrschen wie heute die anderen.
Jenseits aller Fragestellungen der historischen Korrektheit interessiert den Hörer natürlich auch das interpretatorische Gesamtergebnis. Zieht man Gardiners Aufnahme, die an dieser Stelle vor einiger Zeit gelobt werden konnte, zum Vergleich heran, muss man konstatieren: Letztere ist fast immer schneller und im Miteinander der Partien oft noch dichter und stringenter, aber auch häufig ruppiger, härter, ja hektischer. Bei Kuijken bewirkt die fehlende 16-Fuß-Lage gelegentlich eine gefühlte Kopflastigkeit des Klangspektrums, bei Gardiner ist das vorhandene tiefgesetzte Fundament sicher eine Bereicherung. Gardiner bietet souveränes Hochglanz-Musizieren mit den besten Kräften der Szene, Kuijken eine liebevoll musizierte Version auf der unschätzbaren Basis seiner lebenslangen tiefsten Kenntnis der Stücke ... Man sollte, liebt man diese Musik, vielleicht beide Aufnahmen kennen.

Michael Wersin, 23.10.2010



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