Responsive image
Heitor Villa-Lobos

Sämtliche Werke für Gitarre

Frank Bungarten

MDG 905 1629
(75 Min., 10/2009)

Wer kann es einem Musiker verdenken, dass er immer genau denjenigen Komponisten für den Größten hält, mit dem er sich momentan beschäftigt. Und so rührt Gitarrist Frank Bungarten in seinem (lesenswerten) Booklet-Text mit so manchen Superlativen ganz schön die Werbetrommel für Heitor Villa-Lobos. Ob der Brasilianer tatsächlich "bis heute der bedeutendste lateinamerikanische Komponist" geblieben ist, darf man wohl angesichts eines Astor Piazzolla eher bezweifeln. Mit seinem Begeisterungsschwung für Villa-Lobos hat der Musiker Bungarten jedenfalls nicht so falsch gelegen, wenn man nun seine Gesamteinspielung aller Werke für Gitarre solo hört. Die machen im riesigen Schaffen von Villa-Lobos zwar nur einen Bruchteil aus, wegzudenken sind sie aber aus dem Gitarren-Repertoire längst nicht mehr.
Zwischen 1908 und 1940 entstanden die Piècen, bei denen trotz des spieltechnischen Anspruchs ein unverkrampft leichter Umgang mit brasilianischen und europäischen Klangidiomen dominiert. Die fünfsätzige "Suite populaire brésilienne" verknüpft kostbar wehmütig Einflüsse des "Chôro" mit Walzer- und Gavotte-Rhythmen. Und die "Cinq Préludes" als folkloristisch angehauchte Lieder ohne Worte besitzen bei Bungarten einnehmende Vertrautheit, empfindsame Wärme und subtile Raffinesse selbst im Brillanten. Die "Douze Etudes" sind dagegen aus einem ganz anderen Holz geschnitzt (Bungarten spielt ein aus Fichte und brasilianischem Bahia-Rosenholz gefertigtes Instrument). Die 1929 für den Kollegen Andrés Segovia komponierten Etüden sind eine Mischung aus fingerbrechender Komplexität und feinstem Klangzauber. Und so wie Bungarten all das greift und damit begreif- und erlebbar macht, versteht man, warum er einst, bei einem Gitarrenwettbewerb in Granada, die Siegestrophäe aus den Händen von Segovia überreicht bekam.

Guido Fischer, 23.10.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top