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Unravelling

Efrat Alony

Intuition 33842/Al!ve
(55 Min., 2004) 1 CD

Als die Sängerin Efrat Alony vor drei Jahren ihre Debüt-CD veröffentlichte, schrieb ihr einer ihrer Lehrer bemerkenswerte Sätze ins Booklet. "Ich glaube, ich war ihr keine große Hilfe", behauptete Meister-Arrangeur Steve Gray, "da ich nicht wusste, woher ihre Stücke kommen, konnte ich gar nicht sagen, wo sie hinführen sollen. Sie hat das Problem jedoch triumphal selber gelöst, wie man hören kann." Das zweite Album der aus Israel stammenden und in Berlin lebenden Vokalistin verfestigt nun den ersten Eindruck: diese Stimme und diese Stilistik sind ausgesprochen eigenständig und verdammt schwer zu verorten.
Alles auf "Unravelling" hat eine unwirkliche, eine traumartige Qualität. Nicht nur, dass in Alonys englischen Texten oft von Schlaf die Rede ist - auch die Instrumente klingen zuweilen, als wären sie somnambule Spuk- und Nachtwesen. Am eindrucksvollsten deutlich wird das beim zweiten Stück der CD. Zu vernehmen ist da: rhythmisches Hecheln der Bandvorsteherin. Insektenzirpen von der Festplatte des Elektronikfricklers Tilman Ehrhorn. Sanfte Eingriffe in den offenen Klavierbauch von Alonys Co-Leader Mark Reinke. Obertonsirren vom Kontrabass, den Andreas Henze streicht. Das liest sich jetzt mutmaßlich wie Avantgardegeschwurbel. Ist aber bewusst strukturierte Sound-Architektur. Gebaut mit Herz, Verstand, Melodie und Groove.
Diese Kombination zeichnet letztlich alle Alony-Reinke-Kompositionen aus. Nur fällt die Gewichtung der einzelnen Elemente höchst unterschiedlich aus. Am Anfang, im Auftaktweckruf "Remedy" und am Ende, in der schönen Hidden-Track-Zugabe, haben wir es relativ eindeutig mit gemütvollem Pop zu tun. Dazwischen aber regiert mit kühler Strenge eine Kunstmusik, die vieles vereint - scharfkantige Streicherflächen, sich auflösende E-Pianos, ein hibbeliges Schlagzeug (Kay Lübke), kristalline Düsternis, theatralische Verzweiflung. Vielleicht liegt es an Alonys unerhörtem Sirenengesang, der in den Höhen manchmal etwas unangenehm Schneidendes hat, dass man sich nicht wirklich wohl fühlt in dieser Kammerjazz-Parallelwelt. Angesichts des aufgesetzten Liebreizes anderer Sängerinnen ist das übrigens als Kompliment zu verstehen.

Josef Engels, 12.03.2005



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