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Karol Szymanowski

Violinkonzert Nr. 1, Sinfonie Nr. 3 "Das Lied von der Nacht"

Christian Tetzlaff, Steve Davislim, Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, Wiener Philharmoniker, Pierre Boulez

DG/Universal 477 877-1
(49 Min., 6/2009 & 3/2010)

Französische Koloristik und russische Klangmystik – in diesem Spannungsfeld kann Pierre Boulez selbst im reifen Alter von 85 Jahren noch für Überraschungen sorgen. Erstmals hat er sich auf CD dem Polen Karol Szymanowski (1882-1937) gewidmet. Und mit dem ersten Violinkonzert sowie der dritten Sinfonie "Das Lied von der Nacht" für Tenor, Chor und Orchester hat Boulez zwei Werke ausgewählt, die bei aller formalen und klangsprachlichen Unterschiedlichkeit eindeutig emotionsgeladen sind. Das zweisätzige Konzert unterstreicht zudem Szymanowskis unverstellten Blick auf die Verzweigungen der Moderne. In seinem herben Melodiefluss und ausgeprägten Lyrismus erinnert es durchaus an die Geschwisterwerke von Prokofieff und Hindemith. Die ausladende bis opulente Instrumentation streift dagegen die Farbmischungen eines Debussy und Ravel. Mit den Wiener Philharmonikern schafft Boulez nun das eigentlich Unmögliche: mit Akkuratesse und gleichzeitigem Sinn fürs Kulinarische dieses anziehende Werk zu modellieren. Und mittendrin im Geschehen befindet sich Christian Tetzlaff, ein Solist, der genau die Balance zwischen Fingerspitzengefühl und Furor findet, um das Konzert aus dem Schattendasein zu katapultieren.
Langsam fängt dagegen die dritte Sinfonie an zu brodeln – bis dieses Bekenntnis- und (islamisch geprägte) Glaubenswerk sich ganz zum Schluss einem Klangrausch im Breitwandformat hingeben darf. Natürlich muss man zwischendurch und abseits aufflackernder Orientalismen immer wieder an so manche potentielle Vorbilder denken. An Ravels "Daphnis et Chloë"-Suite Nr. 2 und besonders an die erste Sinfonie des russischen Klangmystikers Alexander Scriabin. Szymanowski verfügte aber über ausreichend eigene Mittel, um Leuchtkraft, Emphase und knisternde Brisanz zu einem organischen Ganzen zu gestalten. Und Pierre Boulez stellte sich all diesen subtilen Farbmixturen und Hitzegraden mit gewohnt analytischem Blick – um sie mit zeichnerischer Klarheit und resonanzreicher Fülle zu einem gewaltigen Erlebnis zu machen.

Guido Fischer, 06.11.2010



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