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Wolfgang Amadeus Mozart, Alban Berg, Franz Liszt, Béla Bartók

Resonances

Hélène Grimaud

Deutsche Grammophon/Universal DG 477 876-6
(69 Min., 9/2010)

Die atemberaubende Hast und Getriebenheit, untermischt mit dunklen und düsteren Farben, in der sich der Kopfsatz von Mozarts "Klaviersonate a-Moll KV 310" am Beginn dieses Programms entrollt, ist weit mehr als nur eine interpretatorische Attitüde: Zweimal hat Hélène Grimaud die Einspielung dieses Programms verschieben müssen, denn sie war ernsthaft erkrankt; ein Bauchhöhlentumor hielt sie in diesem Jahr längere Zeit vom Arbeiten ab. Nun wurde die CD in Rekordzeit produziert, pünktlich zur herbstlichen Europatournee der Künstlerin mit demselben Programm. Grimauds manischer Mozart fängt etwas von dem ein, was die Pianistin in diesem Jahr an Angst, Druck und Ungeduld empfunden haben mag, er verbreitet in seiner bisweilen gespenstischen Eile ein wenig Schubertsche "Wetterfahne"-Atmosphäre – und er wird insgesamt als sehr gelungen empfunden, weil er auch technisch brillant bemeistert ist.
Dämonische Raserei ist auch in Liszts "h-Moll-Sonate" allenthalben ein Thema – hier allerdings reüssiert Grimaud mit ihrem entfesselten Ausdrucksstreben nicht ganz ohne Abstriche: Kleinere technische Unsauberkeiten schlagen sich etwa in überpedalisiert verwaschenen Oktaven nieder, die knapp am Crash vorbeischrammen. Und das hymnische Dur-Thema mit seinen massigen Akkordrepetitionen klingt trotz beeindruckender Klangfülle ein wenig matt und stumpf. Bei Bartóks "Rumänischen Volkstänzen" bewegt sich Grimaud freilich wieder auf ganz sicherem technischen Boden und kann sich rückhaltlos der Interpretation hingeben. Ihr gelingt eine für sich genommen recht ansprechende Darbietung dieser Miniaturen; indes haben Interpreten wie Bartók selbst oder insbesondere Emil Gilels demonstriert, wieviel mehr Farben und Ausdrucksnuancen sich dieser scheinbar so einfachen Musik noch entlocken lassen.
Und schließlich Alban Bergs Klaviersonate, jener fesselnde Abschied von der Romantik? Auch hier greift Hélène Grimaud voller Leidenschaft nach dem dramatischen Potential der Musik, ohne in Sachen Durchhörbarkeit der vertikalen Tiefe des Satzes mit seinen polyphonen Strukturelementen das volle Potential auszuschöpfen. Ein Gesamteindruck versucht sich aufzudrängen: Hier spielt nicht nur die Überlebende, sondern es spielt noch immer jemand auch ums Überleben – und das mag nicht nur mit der Krankheit dieses Jahres zu tun haben, sondern auch mit den vorausgegangenen künstlerisch-persönlichen Turbulenzen.

Michael Wersin, 20.11.2010



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