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Henry Purcell

O Solitude (Songs & Arien)

Andreas Scholl, Christophe Dumaux, Accademia Bizantina, Stefano Montanari

Decca/Universal 478 2262
(77 Min., 7/2010)

Nach einer kurzzeitigen Rückkehr zum Label harmonia mundi, bei dem Andreas Scholl seine Karriere gestartet hatte, ist er wieder bei der traditionsreichen Decca gelandet. Doch statt den Neubeginn mit festlichen Pauken und fulminanter Kehlenakrobatik zu feiern, spinnt er den Ausdrucksfaden weiter, den er mit der CD "Crystal Tears" ausgelegt hatte. Stand da die ungekünstelt ausgekleidete Melancholie der elisabethanischen Epoche im Mittelpunkt, macht Scholl nun mit dem Recital "O Solitude" Henry Purcell zum einzigen würdigen Nachfolger von Dowland & Co. Die fast stille Feier der Unmittelbarkeit und die schwerelose Natürlichkeit des Gesangs – das sind denn auch die zwei Seiten einer Interpretationsmedaille, die so nur ein Countertenor vom Schlage Scholl zu prägen versteht.
Für seine Auswahl an Songs und Arien aus "King Arthur" und "Fairy Queen" hat sich Scholl aber überraschenderweise nicht für ein englisches Spezialisten-Ensemble entschieden. Vielmehr hat er sich wieder mit der italienischen Accademia Bizantina zusammengetan, die auch in den eingestreuten Instrumentalwerken (u. a. "The Gordian Knot Unty´d") für markante Binnenspannungen sorgt. Geradezu musiktheatralisches Profil bekommt ihr Spiel in solchen Höhepunkten wie dem berühmten "Cold Song". Während Scholl das packend Gruselige dieser vokalen Zitterpartie bis zum letzten Atemzug durchzieht, holen sich die Streicher in der schneidenden Eiseskälte fast blaue Finger. Hartgesottene Alte Musik-Verfechter werden wahrscheinlich belehrend darauf aufmerksam machen, dass dieser Song eigentlich für Bass komponiert wurde, und auch bei "When I Am Laid in Earth" die rote Karte zücken wollen. Doch bei diesem "Dido's Lament", das für Mezzosopran geschrieben wurde, beweist Scholl einmal mehr, dass es nicht auf die richtige Stimmlage, sondern auf die Seelenqualität eines Sängers ankommt. Und genau diese besitzt Scholl wie kein Zweiter.

Guido Fischer, 04.12.2010



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