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Johann Sebastian Bach, Bill Dobbins

Weihnachtsoratorium

The King’s Singers, WDR Big Band, Bill Dobbins

Signum/Note 1 SIGCD 215
(106 Min., 11/2009) 2 CDs

Es ist bekannt, dass die Musik Johann Sebastian Bachs in puncto Bearbeitung einiges verträgt: Sie ist strukturell so reichhaltig und so vollkommen, dass man ihr mit modifizierenden Eingriffen unterschiedlichster Art nicht so leicht den Garaus machen kann. Verjazzende Bearbeitungen einzelner Nummern sind spätestens seit Jacques Loussier oder den Swingle Singers recht verbreitet. Ob sich allerdings schon einmal jemand ein umfangreiches oratorisches Werk zwecks stilistischer Umformung vorgenommen hat, vermag der Autor nicht zu sagen.
Bill Dobbins jedenfalls, Leiter der WDR Big Band, hat das getan – mit dem Weihnachtsoratorium. Dabei gingen zwar bei Weitem nicht alle Sätze aus den sechs Kantaten durch seine kreativen Hände, aber doch ein beträchtlicher Teil der Chöre, Choräle, Rezitative und Arien. Die Veränderungen sind tiefgreifend: Der Instrumentalsatz wurde zum Big-Band-Bläsersatz für Posaunen, Trompeten, Klarinetten, Flöten – getragen von einer 'Continuogruppe' aus Klavier, Gitarre, Bass und Drums. Die Akkordfolgen der Rezitative wurden für Bläser auskomponiert. Den Vokalsatz hat Dobbins den Möglichkeiten des Männer-Sextetts der King’s Singers angepasst. Die Eingriffe in die Substanz sind ebenfalls umfassend: Was Dobbins mit der Harmonik macht, hört man am Besten in den Choralsätzen, deren Akkordgerüst mit Septimen, Nonen und vielen weiteren Reiztönen massiv aufgefüllt wurde, was auch die Stimmführung vollkommen verändert. Auf rhythmischer Ebene erfahren die barockgemäß über weite Strecken sehr ebenmäßigen horizontalen Verläufe eine starke Aufrauung durch allgegenwärtige Synkopen: Was zuvor etwa in Achteln floss, wird durch unzählige Dehnungen oder Vorwegnahmen aufgepeppt. In die Arien fügte Dobbins in der Regel nach dem ersten Erklingen des A-Teils einen Abschnitt ein, der einem Soloinstrument ausführlich Gelegenheit zur Improvisation gibt.
Wie gelungen ist nun diese Bearbeitung des altehrwürdigen Oratoriums? Der Autor ist zwiegespalten: Dobbins hat zweifellos eine tolle (und ungeheuer umfangreiche) Leistung vollbracht, vor allem seine intrikate Harmonik begeistert durchaus. Andererseits nervt die permanente rhythmische Zerfetzung der vertrauten Melodien auf Dauer schon ziemlich. Und was bleibt vom Wort-Ton-Bezug, vom theologischen Konzept des Werks? Die ursprünglich majestätischen Bläserkadenzen in "Vom Himmel hoch, da komm ich her" etwa klingen im lockeren Glenn-Miller-Gewand nur noch läppisch. Und – die King’s Singers haben einzeln zu wenig stimmliches Profil und Standvermögen, um in den Arien als Solisten zu überzeugen; die harmonisch hochinteressanten Choräle dagegen singen sie leider nicht wirklich intonationsrein … Es bleibt letztendlich der Eindruck eines zumindest partiellen Scheiterns auf sehr hohem Niveau. Bachs Arbeit wird nur in begrenzter Hinsicht sinnvoll weitergeführt, in vielen Punkten dagegen nur ausgehöhlt und ihrer Bedeutung beraubt.

Michael Wersin, 04.12.2010



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