Was man im Zeitalter des voll ausgebauten Flugverkehrs locker verbinden könnte, war im 18. Jahrhundert Anlass zu einer gewichtigen Lebensentscheidung: Als Baldassare Galuppi, seit 1762 Kapellmeister an San Marco in Venedig, 1765 von Zarin Katharina II. nach Moskau berufen wurde, tat er sich zunächst sehr schwer, die heimatlichen Gefilde zu verlassen. Nachdem er sich schließlich doch für den russischen Hof entschieden hatte (er sollte dort bis 1768 bleiben), hielt er dennoch engen Kontakt zu seinen venezianischen Arbeitgebern und Kollegen. Für das Weihnachtsfest 1767 sandte er sogar eine in Russland komponierte Messe (bestehend offenbar nur aus Gloria und Credo) nach Venedig, wo sie auch tatsächlich aufgeführt wurde. Traditionsgemäß steuerte vermutlich Domorganist Ferdinando Bertoni das Kyrie bei. Der genaue Aufbau des musikalischen Programms der weihnachtlichen Mitternachtsmesse lässt sich nicht rekonstruieren, aber Peter Kopp, der musikalische Leiter der vorliegenden Aufnahme, hängte an das Messordinarium noch ein "Te Deum" und eine Weihnachtsmotette von Galuppi sowie eine "Sinfonia" seines Vizekapellmeisters Gaetano Latilla an, die in diesem Zusammenhang hätten erklingen können.
Freilich sind aus der Barockzeit riesige Mengen solcher "Messe concertate", vielgliedrige Messvertonungen mit Chor- und ariosen Solosätzen, überliefert. Und es ist klar, dass die wenigen von ihnen, die sehr berühmt geworden sind, ganz besondere Qualitäten aufweisen (stellvertretend sei Bachs "Messe h-Moll") genannt. Ein solch prägnantes Profil entwickelt diese Arbeit von Galuppi und Latilla nicht. Aber es handelt sich um ein handwerklich höchst gekonnt verfertigtes Werk mit vielen wunderschönen Passagen. Die Sopranarie mit Chor "Domine Deus, Rex coelestis" ist mit ihrer Virtuosität und ihrer reizvollen dialogischen Struktur so ein ansprechender Satz; allerdings agiert die Sopranistin Gemma Bertagnolli hier eigenartig matt und müde. Mehr Freude bereitet ihre Fachkollegin Valentina Varriale im nachfolgenden "Qui tollis peccata mundi", sie findet interpretatorisch die richtige Balance zwischen barocker Ausdrucksfülle und vom Text als solchem verlangter Objektivität. Sehr dezent geben sich auch Chor und Orchester: Sie bieten einen immer homogenen und ausgewogenen Gesamtklang. Im sehr traditionell-vokalpolyphon gehaltenen Kyrie ist diese zurückhaltende Interpretationshaltung sehr angenehm. In konzertanten Sätze wie etwa dem das Credo abschließenden "Et resurrexit" würde man sich gelegentlich neben aller wendigen Eleganz ein Fünkchen mehr dramatische Expressivität wünschen.

Michael Wersin, 11.12.2010



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