Das große Werk ist vollbracht.
Die Idee: Konzertante Aufführungen aller geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs im Jubiläumsjahr 2000. Jedes der Werke erklingt an dem liturgischen Datum (bzw. in dessen Nähe), für das es komponiert ist. Aufführungsorte sind Kirchen in verschiedenen europäischen Ländern, ganz am Ende erfolgt noch der Sprung über den Ozean: Die Kantaten-Pilgerfahrt endet an Weihnachten 2000 mit drei Konzerten in New York.
John Eliot Gardiners "Cantata Pilgrimage" war nicht nur in musikalischer Hinsicht ein Mammut-Unternehmen. Auch die logistische Leistung ist unermesslich: Woche für Woche mussten neben den Vokalsolisten der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists, die natürlich mit verschiedenen Besetzungen operierten, an die Aufführungsorte geschafft werden, um dort Höchstleistungen zu vollbringen. Denn das Ganze sollte nicht nur als Live-Erlebnis vor Ort begeistern, sondern auch zur Veröffentlichung als CD dokumentiert werden. Jeder, der mit Bachs Kantaten schon nähere Bekanntschaft gemacht hat, weiß, wie schwer es ist, solche Werke praktisch aus einem Guss mustergültig in den Kasten zu kriegen; als Ausbesserungsmaterial standen nur die Probenmitschnitte zur Verfügung.
Das Projekt gelang. Alles wurde gespielt, alles wurde mitgeschnitten – ein grandioser Erfolg. Und dann sprang die Schallplattenfirma ab. John Eliot Gardiner tat, was auch Ton Koopman während seiner Studio-Produktion aller Bach-Kantaten hatte tun müssen: Er gründete kurzerhand ein eigenes Label, um das Projekt zu retten. Und jetzt, fast zehn Jahre nach Abschluss der musikalischen Pilgerreise, liegen sämtliche Kantaten in 27 Alben auf rund 50 CDs vor – fast alle, denn die Rechte an einigen wenigen Aufnahmen behielt die ursprünglich vorgesehene CD-Firma.
Freilich gibt es in einer auf solche Weise entstandenen Gesamtaufnahme Licht und Schatten. Aber: Die vielen lichten Stunden dieses einzigartigen Projekts sind wirklich gleißend hell. Zu ihnen gehört BWV 88 mit Peter Harvey als überragendem Interpreten der Eingangsarie "Siehe, ich will viel Fischer aussenden" (Folge 3) oder BWV 19 mit James Gilchrists Darbietung von "Bleibt, ihr Engel" (Folge 7) – wahrhaft große Momente der Bach-Interpretation.
Die Beihefte der Folgen künden mit ihren theologisch-musikalisch fundierten Einführungstexten des Dirigenten von Gardiners großem Ernst im Umgang mit der Musik. Ferner vermitteln kurze Erlebnisberichte von Mitwirkenden lebendige Eindrücke von der für jeden Beteiligten eindrucksvollen Pilgerreise. Und die Cover mit ihren Porträts von Menschen ganz verschiedener Kulturen illustrieren einen wichtigen Aspekt von Gardiners Bach-Verständnis: Die völkerverbindende Kraft seiner Musik. Das große Werk ist vollbracht – herzlichen Glückwunsch, Sir John.

Michael Wersin, 08.01.2011



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