Responsive image

Le voyage

Pierre Favre

Intakt/harmonia mundi INT 186
(47 Min., 1/2010)

Der 73-jährige Schweizer Schlagzeuger, Komponist und Bandleader Pierre Favre ist eine einmalige Erscheinung im Bereich der improvisierten Musik aus dem Geiste des Jazz. Dixieland hat er gespielt und Bebop; er war Schlagzeuger der Max-Greger-Big-Band, bis er dann als wichtige Figur im 60er-Jahre-Free-Jazz eine klangrhythmische Spielweise entwickelte, für die er das klassische Drum-Set erweiterte und modifizierte. Zunehmend umgab er sich mit subtilen Klangerzeugern, bei denen von ihm selbst entwickelte Gongs und Becken eine große Rolle spielten. Doch Favre, der zurückhaltende, aber unbeugsame Poet der singenden Rhythmik, wurde zunehmend der Dauerdissonanzen des Free Jazz überdrüssig, folgte seiner Herzensneigung zu Tonalität und Harmonik und begann für unterschiedliche, eigene Besetzungen zu komponieren.
"Le voyage" ist sein neuestes Werk. Er hat es mit seiner Großbesetzung, dem Pierre Favre Ensemble, realisiert. Eine Klarinette bzw. Bassklarinette mit je einem Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon fungiert als Bläsersatz; die Posaune ist eher dem mit E-Bass und Kontrabass gedoppelten Bassbereich zuzuordnen, und eine E-Gitarre sorgt für kesse Einwürfe und freche Kontraste. Subtil, aber bestimmt laufen die Fäden beim Schlagwerker zusammen. Das erste Stück mutet in seiner Komplexität noch etwas bemüht an – das eine oder andere Kehrwasser droht den Reisefluss noch ins Stocken zu bringen. Doch alsbald gerät die Reise zu einem Erlebnisausflug großen Vergnügens. Von Ferne grüßt Gil Evans; gute alte Big-Band-Tradition irrlichtert mit Exotischem am Horizont; schließlich darf sich die Mannschaft nach höchst konzentrierten Abschnitten einen kurzen Track lang in gänzlich freier Improvisation entspannen, um dann umso heiterer und nach der Reise letztlich etwas melancholisch in den Zielhafen einzulaufen. Der Zuhörer entdeckt, dass er mittlerweile zum erlebnisbeglückten Mitreisenden geworden ist.

Thomas Fitterling, 08.01.2011



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top