Man möchte sie eigentlich nicht miteinander vergleichen, diese beiden außergewöhnlichen Ereignisse des zu Ende gegangenen Mahler-Jubeljahres. Wenn zwei ausgewiesene Mahler-Experten am Werk sind, die sich ebenso akribisch wie hingebungsvoll, ja bedingungslos auf den extremen Ausdruckskosmos des einzigartigen Fin-de-siècle-Genies einlassen; wenn diese jeweils wunderbar kompakte, souveräne Orchester und Chöre leiten und man allenfalls darüber streiten mag, ob im "Urlicht" Bernarda Fink im Vergleich zu Lioba Braun doch etwas zu viel Vibrato-Ausdrucksschwere auflegt: Dann sollte man sich getrost beide Aufnahmen in den Schrank stellen.
Sowohl Mariss Jansons Amsterdamer wie auch Jonathan Notts Bamberger "Auferstehungs"-Sinfonie zählen jedenfalls zu den überwältigendsten – und den bisherigen Referenzen von Stokowski, Solti und Klemperer tontechnisch weit überlegenen – Vergegenwärtigungen dieses gigantischen chorsinfonischen Werkes. Mit ihm knüpfte Mahler bekanntlich nicht nur an Beethovens Neunte, sondern auch an seine eigene Erste an: Deren jugendlich-ungestümen "Titan"-Helden trägt er in der ersten Abteilung ("Totenfeier") zu Grabe und vermenschlicht ihn sozusagen im Folgenden – mit der existentiellsten aller Fragen: "Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Ist das alles nur ein großer, furchtbarer Spaß?" Im Finalsatz, seinem größten überhaupt, gibt Mahler mit Klopstocks Auferstehungs-Ode und eigenen Versen eine der erschütterndsten Antworten der Musikgeschichte.
Hierbei setzt Jansons (noch) mehr als Nott auf das Hymnisch-Getragene. Auch das Lyrische hat beim Letten (noch) mehr Entfaltungsraum als beim Engländer (betörend in Amsterdam vor allem, wie das von Mahler "in ruhig fließender Bewegung" vorgegebene Scherzo singen und atmen darf). Nott wiederum 'punktet' mit einer Vehemenz, die in der Mahler-Diskographie allenfalls noch von Solti an den Tag gelegt wurde. Immer wieder hämmert er dem Hörer Mahlers Todesfurcht, die das ganze Opus durchzieht, brachial ins Bewusstsein: so wild (und präzise!) hat – pars pro toto – noch keiner zu Beginn die rollenden und grollenden Bässe auffahren lassen. Und die Pauken donnern, dass man glaubt, neben ihnen zu sitzen – auch, wie gesagt, dank einer fabelhaften Tontechnik. So wird Mahler auch zu Hause zum nachhaltigen Erlebnis.

Christoph Braun, 08.01.2011



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