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Georg Friedrich Händel

Ombra cara (Opernarien)

Bejun Mehta, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

harmonia mundi HMC 902077
(72 Min., 3/2010)

Auf den ersten Blick ist das zweite Solo-Album von Bejun Mehta reiner Barock-Mainstream und ganz nach dem aktuellen Publikumsgeschmack. Ein Countertenor singt Händel-Arien, mit denen einst auch schon der Kastrat Senesino auftrumpfen durfte. Dennoch ist die Aufnahme des Großneffen von Dirigent Zubin Mehta weit mehr als nur ein weiterer Aufguss eines Repertoires, das neben Hits auch so manche Rarität bietet. Gleich die erste, von Blechbläsern angespornte Arie "Sento la gioia" aus "Amadagi di Gaula" nimmt Bejun Mehta nicht etwa als Einladung zum bravourösen Schaulaufen. Obwohl natürlich bei ihm alles in Perfektion sitzt, von vokaler Agilität bis zu den Spitzentönen, hängt über dem Strahlemann vom Ausdruck her doch eine winzig dunkle Wolke. Mehta scheint auch hier aller ausgelassenen Freude schlichtweg zu misstrauen. Weshalb er gleich zu Beginn zu dynamischen Schattierungen greift, die im Laufe des Recitals immer dramatischere Züge bekommen werden.
Wer vokalen Oberflächenglanz auf moussierendem Drei-Sterne-Niveau will, der ist daher bei Mehta komplett falsch. Wer stattdessen in die Abgründe und Tiefen der musikalischen Prosa geführt werden will, der ist bei ihm genau richtig. Weshalb Mehtas Händel bisweilen auch nichts für Zartbesaitete ist. Wenn Mehta etwa in die Rolle des von Liebesleid infizierten Ägypterkönigs Ptolemäus schlüpft, versiegt bei ihm der Lebenswille derart, dass er fast ein Fall für den Notarzt zu werden droht. Zumal dazu selbst das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs die Herz-Rhythmusmaschine peu à peu runterfährt. Danach muss man erst einmal durchatmen …

Guido Fischer, 08.01.2011



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