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Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams

Enigma-Variationen, Sinfonie Nr. 6

Symphonieorchester des BR, Colin Davis

BR Klassik/Naxos 900705
(68 Min., 12/1983 & 4/1987)

Edward Elgars "Enigma-Variationen" sind bei Potpourri-Sausen schon fast so beliebt wie seine "Pomp and Circumstance"-Märsche. Zumal spätestens im Finale mit all den Blechbläser-Breitwand-Tutti wieder alle Dämme zu brechen drohen. Dass dieser Orchester-Klassiker jedoch eher ein Paradebeispiel für seriöse Unterhaltung ist, machte Colin Davis überdeutlich, als er 1983 als frischgebackener Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nicht einfach des Konzertgängers Lust nach ausgebeultem Pathos befriedigte (weshalb die Bläser-Apotheosen jetzt auch nicht vulgär rüberkommen). Davis setzte das Werk unter expressiven Hochdruck, um auch jenen Innenspannungen gerecht zu werden, über die andere so beiläufig hinwegschwelgen. Und selbst die Tschaikowsky- und Dvořák-Anleihen sind endlich mal nicht romantische Second-Hand-Ware, sondern werden als raffiniert eingebaute Huldigungsvignetten deutlich gemacht.
Können schon hier die Orchestermusiker exemplarisch zeigen, wie man Gefühlsinhalte mit allerbester, aber nie virtuos ausgestellter Phrasierungskunst sozusagen 'dingfest' machen kann, steht der eigentliche Überraschungscoup im Live-Format noch bevor. 1987 setzte Colin Davis mit Ralph Vaughan Williams einen weit unterschätzten Vertreter der klassischen Moderne auf das Programm. Und in Williams' offensiv kontrastreicher 6. Sinfonie, die nach ihrer Uraufführung 1948 sofort zu einem Dauerbrenner wurde, präsentierten die Musiker sich in prächtiger Spiellaune. Ob bei den Jazz-Infusionen im heftig flackernden und pulsierenden Kopfsatz, ob bei den Attacken à la Schostakowitsch oder der lyrisch-nachdenklichen Prosa im "Epilog" dieses viersätzigen Sinfonie-Dramas. Bessere Anwälte hätte Vaughan Williams nicht finden können.

Guido Fischer, 15.01.2011



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