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Frédéric Chopin

13 Mazurkas, Scherzo op. 20 u.a.

Cédric Tiberghien

harmonia mundi HMC 902073
(70 Min., 1/2010)

Jeweils ein kleines Mazurken-Bündel im Wechsel mit einem Scherzo, einem Nocturne oder mit der großen "Polonaise-Fantaisie op. 61" – und schon hat man einen ordentlichen Einblick in Chopins 'Traumreich der Poesie' (Heine) bekommen. Jedes Stück ist natürlich bereits tausendfach gespielt worden. Und von jedem Stück gibt es dementsprechend mindestens ein halbes Dutzend Referenzaufnahmen. Wenn aber nun der 35-jährige Franzose Cédric Tiberghien sich dennoch nicht von so einem Evergreen-Album abhalten ließ, dann nur aus einem einzigen Grund: Er wollte, ja, er musste Chopin spielen. Genau so und nichts anderes. Das hat Tiberghien aber nirgendwo in einem Marketing-Info oder im Booklet seiner Chopin-CD behauptet. Diese unbedingte Hin- und Zuwendung ist in jeder Minute seiner Aufnahme dokumentiert.
Selbstverständlich hält sich Tiberghien an alle Basistugenden, die Chopin so fordert. Arabeske Leichtigkeit und konzentrierter Ernst nebst einer Prise Schwerblütigkeit hier und lieblich Salonhaftem dort. Doch das ist eben nur die Grundausstattung, mit der Tiberghien wie kein Zweiter seiner Generation umzugehen weiß. Mit einer schon fast unheimlich wirkenden Subtilität macht er die Dreidimensionalität dieser Stücke durch und durch überdeutlich, ohne sich jemals kopflastig wie etwa ein Mikhail Pletnev oder apollinisch ritterlich wie Maurizio Pollini zu geben. Und auf einmal erkennt und spürt man, dass Chopin nie etwas mit assoziativen Charakterstücken am Hut hatte, sondern 'absolute' Musik schreiben wollte. Dass er dabei Schuberts Innigkeit (im "Molto più lento" des "Scherzo op. 20") genauso zu Rate zog wie Schumanns Innehalten (im "Nocturne op. 48 Nr. 1") oder Beethoven als Urheber metaphysischer Trillerketten – das macht Tiberghien tiefenentspannt und zugleich tief versunken weniger hörbar als vielmehr erlebbar. Diese Chopin-Werke meinte man zu kennen. Was für ein Irrtum!

Guido Fischer, 15.01.2011



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