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Wilhelm Friedemann Bach

Kantaten

Dorothee Mields, Gerhild Romberger, Goerg Poplutz, Klaus Mertens, Bachchor Mainz, L’arpa festante, Ralf Otto

Carus/Note 1 CAR 83.362 bzw. Accentus/Naxos ACC 20103
(79 Min., 5/2010 bzw. 6/2010) CD bzw. DVD

Ein Programm, eine Besetzung, zwei Versionen: Ralf Ottos Engagement für Wilhelm Friedemann Bach, den 1710 geborenen ältesten Sohn Johann Sebastians, wurde sowohl im Studio für die CD dokumentiert als auch in der Konzertsituation in der Mainzer Augustinerkirche für die DVD festgehalten. Dass für die Musik des Bach-Sprösslings nicht eigens eine Lanze gebrochen werden muss, beweisen schon wenige Sätze aus den hier dokumentierten absolut hörenswerten Kantaten. Man hört auf allen Ebenen einerseits freilich das Vorbild des Vaters; Wilhelm Friedemanns Musik ist auch keineswegs weniger schwierig, sondern wartet mit denselben Tücken auf wie entsprechende Werke des Alten. Sehr ernst meint es der Sohn – hier ebenfalls ganz dem Vater gleich – mit dem Wort-Ton-Bezug: Eng am Text ist diese Musik komponiert, ein beträchtlicher Teil kompositorische Raffinesse dient der Versinnbildlichung der theologischen Inhalte. Und dennoch ist Wilhelm Friedemann andererseits kein Epigone. Wer die Musik des Vaters gut kennt, würde die des Sohnes nicht mit dieser verwechseln; andere harmonische und melodische Nuancen, erstere vor allem auch in den Choralsätzen, stechen durchaus ins Auge.
Welche Version ist vorzuziehen? Eindeutig darf konstatiert werden: Wer die Musik in größtmöglicher Perfektion hören möchte, der greife zur CD. Im Konzert nämlich gibt es besonders in puncto Präzision deutliche Verluste, bedingt u. a. durch die Akustik in dem schönen, aber halligen Kirchenraum. Ein intrikates Duett wie "Jesu, großer Himmelskönig" schrammt denn auch nahe am Crash vorbei, als synkopische Einsätze der beiden Sängerinnen gegen den Grundschlag arbeiten. Dies ist nicht die Schuld der durchweg hervorragenden Interpreten. Das Wohlklang-Paar Dorothee Mields und Gerhild Romberger macht seine Sache ebenso gut wie das instrumentale Spitzenpersonal von L'arpa festante – dies beweist nicht zuletzt die Studioversion auf CD. Aber u. a. wegen der räumlichen Distanz der Beteiligten gibt es im Konzert Verständnisprobleme, nicht nur im genannten Stück, sondern öfters auch andernorts. Ralf Otto kürzte für das Konzert einige der – oft wahrhaft Bachisch ausgedehnten! – Arien um die Wiederholung ihrer Da-capo-Abschnitte, was wiederum Platz gibt für eine hochspannende "Sinfonia d-Moll", die auf der CD leider fehlt.
Brillant präsentiert sich auf der CD wie auch auf der DVD Ralf Ottos großartiger Bachchor Mainz, dessen tadellose Darbietung auf der Bildspur noch um einige nennenswerte visuelle Reize bereichert wird: Wo hat Otto nur diese in jeder erdenklichen Hinsicht überzeugenden jungen Sopranistinnen gefunden? Vielleicht ist die Klassik doch nicht so in Not, wie man immer wieder befürchtet. Diese Produktionen jedenfalls sind interpretatorisch wie auch in Sachen Repertoire ein durchweg erfreuliches und ermutigendes Ereignis.

CD 5 Punkte
DVD 4 Punkte

Michael Wersin, 15.01.2011



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