Man kann es Clari nicht verdenken. Immer nur Kühe zu melken, ist auch kein Leben. Und kaum hat sie ein bisschen die Kontaktanzeigen im Internet studiert, ist sie schnell fündig geworden. Und ihr potenzieller Traummann hat als Adliger natürlich einiges zu bieten: stramme Tenniswaden, eine schicke Designerwohnung sowie eine erlesene Gemäldesammlung. Klar, dass dem Landei Clari da erst einmal die Augen übergehen – bevor sie leichte Zweifel überkommen, ob das wirklich ihre Welt ist. Nach einem Nervenzusammenbruch, Selbstmordversuch und einer kurzen Rückkehr in die vertraute Almhütte steht dem rosaroten Happy-End aber nichts mehr im Wege. Hurra! Das ist in groben Zügen kein Weltstoff, sondern reinste Groschenroman-Prosa. Vertont hat sie Jacques Halévy 1828 zu seinem Opern-Dreiakter "Clari". Und die Titelpartie sang damals in Paris mit Maria Malibran jener Mezzo-Superstar, dem fast zwei Jahrhunderte später die Kollegin Cecilia Bartoli eifrig nacheifert.
Nach einem Querschnitt durchs Malibran-Repertoire nun also erstmals eine komplette Malibran-Oper. Und es muss schon eine Bartoli her, um diesem Werk eine Aufführungsberechtigung auszustellen. Mit all ihren typischen vokalen Reizen, die in der hochdramatischen Schmerzensarie "Qui prostrata …" kulminieren, wirft sie sich in das vom Libretto und der Musik her eher mainstreamige Opernrührstück. Wobei sie bei dem Live-Mitschnitt aus dem Züricher Opernhaus nicht nur ein gleichermaßen exquisites Sängerteam zur Seite hatte. In der Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier geht es wirklich amüsant her. Und mit Adam Fischer steht dem Orchester La Scintilla ein Kraftpaket vor, das immerhin gleich zu Beginn die Ouvertüre unter Rossini-Starkstrom setzt.

Guido Fischer, 22.01.2011



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