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Diverse

Von den letzten Dingen – Barocke Trauermusiken aus Mitteldeutschland

amarcord, Cappella Sagittariana Dresden

Raumklang/harmonia mundi RKap 30107
(72 Min., 11/2006 & 1/2008)

Mit der Reformation entwickelte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch die von Luther angestoßenen theologischen Überlegungen auch ein neuer Umgang mit Tod und Sterben. Liturgisch hatte dies zur Folge, dass die bis dato üblichen Requiem-Gottesdienste, in denen für die Seele des Verstorbenen gebetet wurde, von den Protestanten nicht mehr gefeiert wurden. Vielmehr war man der Ansicht, der Verstorbene sei auch ohne Zutun der Hinterbliebenen bei Gott bestmöglich aufgehoben; aus dem Messopfer für den Dahingegangenen wurde daher ein Gottesdienst für die Hinterbliebenen, die im Gedenken an die Toten das Geheimnis von Tod und Auferstehung memorieren. Für die musikalische Gestaltung solcher Feiern vertonte man Kompilationen von passenden Bibelversen, ganze Psalmen wie etwa besonders den 51. oder auch freiere geistliche Poesie, für Letztere ist Heinrich Schütz' selbstverfasstes und -vertontes Gedicht auf den Tod seiner Frau, das im vorliegenden Programm erklingt, ein Extrembeispiel in Sachen Originalität.
Das Ensemble amarcord, erweitert um drei Sopranistinnen und einen Tenor, bietet auf dieser CD gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden eine reiche Auswahl solcher barocker Exequien. Den Anfang macht eine 17-sätzige Vertonung von Psalm 51, die ein unbekannter Komponist vermutlich um 1700 geschaffen hat; das Stück erklang nie zuvor auf einer CD. Den Rest des Programms bilden neben den drei Teilen von Heinrich Schütz' bekannten "Musikalischen Exequien" weitere Trauermusiken barocker Meister, in Art und Gestalt sehr vielfältig und abwechslungsreich. Die interpretatorische Ausführung darf insgesamt als sehr geglückt bezeichnet werden – besonders die hinzugetretenen weiblichen Gesangskräfte, darunter Gudrun Sidonie Otto, setzen dem Ensembleklang ein Glanzlicht auf und machen auch die solistischen Abschnitte zum Genuss. Dies gilt indes nicht uneingeschränkt für den Männerstimmenbereich: Hier ist, wenn in kleiner besetzten Passagen Einzelleistungen hörbar werden, namentlich in Tenorlage ein etwas hölzernes Gebaren nicht zu überhören; Koloraturen geraten unrund, der stimmliche Gestus entspricht eher dem dezenten Ensemble- und dem Individualität fordernden Sologesang. Im Blick auf die weitgehend hocherfreuliche Gesamtdarbietung ein Nebenbefund – aber eben doch ein kleines Manko dieser ansonsten sehr empfehlenswerten CD.

Michael Wersin, 29.01.2011



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