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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 4

Rosemary Joshua, Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

φ (Phi)/Note 1 LPH 001
(53 Min., 3/2010)

Klar, die Fibonacci-Zahlen! Bekanntlich konvergiert ihr Quotient im Grenzwert gegen φ (phi). Womit wir beim "goldenen Schnitt" wären, jenem Inbegriff von Ästhetik und Harmonie. Und dann heißt er auch noch Philippe! Dabei hat Philippe Herreweghe seinem neuen eigenen Label – die alte HM bot ihm offenbar zu wenig Möglichkeiten – den Namen φ gegeben, weil fast alle anderen Buchstaben schon vergeben waren. Sollte der umtriebige Ensemblegründer, der seit 40 Jahren im Geschäft ist, dennoch jenes ästhetische Ideal im Sinn gehabt haben, so weckt er natürlich große Erwartungen. Zu Recht, wie Mahlers Vierte, sein Label-Debüt, nun zeigt. Sie ist ein absoluter Gewinn in der nicht eben kleinen Diskographie dieses sinfonischen Sonderlings. Dabei hat sich der Belgier, sieht man von seinen gefeierten "Wunderhorn-Liedern" ab, bislang nicht gerade als Mahler-Experte hervorgetan. Vielleicht ist da die kaum einstündige Vierte der beste Einstand in sein neues Label. Doch Vorsicht! Den einen gilt sie als seltsam naiv-unmittelbare, fast unbekümmerte Kindermusik (mit Schellengeklingel und einem bayrischen Kinderlied vom himmlischen Schlaraffenland als Kern des Ganzen), den anderen gerade darin als denkbar hintergründig-ironische Stilmaske, hinter der sich die höchsten bzw. tiefsinnigsten Einsichten verbergen. Herreweghe, der feinfühlig Kluge, vertritt, wen wundert's, Letzteres. Dabei hat er, auch wenn die Narrenschelle zu Beginn noch etwas verhalten klingt, durchaus keine Scheu vor den Derbheiten der Partitur; Gevatter Tod in Gestalt eines Straßenfiedlers jedenfalls kann bei ihm schön schräg aufspielen, und auch die blutigen Gewalttaten des "weltlich Getümmel" im himmlisch-kindlichen Schlaraffenland verfehlen ihre Wirkung nicht. Zumal Rosemary Joshua in diesem Schlusssatz ihrem glockenhellen, leichtgängigen Sopran die passend schrillen bzw. gurrenden Töne mitgeben kann. Und doch: Wann immer Mahler 'jenseitige' Töne anschlägt, vor allem im "ruhevollen" langsamen Satz und im abschließenden Verklingen des Ganzen, kommt der Hörer bei Herreweghe in den Genuss eines bis ins Letzte ausgehörten Sirenengesanges. So betörend in der Klangbalance, so schlüssig in den Tempomodifikationen, dass man glaubt, einem langjährigen Mahler-Experten zu lauschen.

Christoph Braun, 12.02.2011



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