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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9 bzw. Sinfonien Nr. 10 (vervollständigt von Clinton A. Carpenter)

Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

RCA/Sony 88697 726902 bzw. RCA/Sony 88697 768962
(89 Min., 9/2009 bzw. 2/2010) 2 bzw. 1 CDs

Dieser in Agonie erstarrte Schrei der neun Terzen übereinander schichtenden Dissonanz, aus der ein langgezogener Ton der Solotrompete wie ein Dolch herausragt! In ihm kulminiert das Anfangs-Adagio von Mahlers Zehnter und mit ihr ein Bekenntniswerk, das in seiner Radikalität seinesgleichen sucht (und das in Ansätzen allenfalls noch bei Schubert, etwa im Andante seiner letzten Sinfonie, zu finden ist). Als Mahler 1910 sein letztes Opus begann, von dem er nur das erste Adagio halbwegs fertigstellen, die restlichen vier Sätze aber allenfalls skizzenhaft hinterlassen konnte, kämpfte er nicht nur mit seiner Krankheit zum Tode, sondern auch mit dem Ehebruch seiner abgöttisch geliebten Alma – vergeblich. Vergegenwärtigt man sich die erschütternden Eintragungen in die Partitur, die von diesen Katastrophen künden ("O Gott, warum hast du mich verlassen!" oder auch "Der Teufel tanzt es mit mir! Wahnsinn fass mich an Verfluchten!"), dann darf man von einem Dirigenten wenn nicht bedingungslose Empathie, so doch zumindest emotionale Risikobereitschaft erwarten. Das aber ist nicht David Zinmans Sache, jedenfalls nicht Hauptsache. Wie in seinem gesamten, jetzt zu Ende gehenden Mahler-Zyklus waltet bei ihm auch in der Zehnten – hier in der Fassung von Clinton A. Carpenter statt wie üblich in derjenigen von Deryk Cook – eine mitunter allzu kontrollierte Ausdrucksbalance. Nicht, dass der Tonhallen-Chef vor dem Hässlichen unbedingt 'kneifen' würde – wie die beiden Scherzi durchaus zeigen; aber über allem Schroffen, Unversöhnlichen, Abgründigen zwischen paradiesischer Erlösungssuche und groteskem Totentanz waltet in Zürich eine Art friedliche, besänftigende Koexistenz. So hochlöblich die ausgefeilte Klangregie und souveräne Spielkultur des Tonhalle-Orchester, so brav ist das Gesamtergebnis, wenn jener kompromisslose Unbedingtheitswille fehlt, der Mahlers Denken und Fühlen durchzieht. Das offenbaren vor allem auch die beiden Mittelsätze der Neunten, in denen Zinman Mahlers 'sehr derbe' Totentanz-Schrecken geradezu schweizerisch-'ordentlich' absolviert. Wenn dann auch noch die riesigen langsamen Ecksätze, sowohl der Neunten wie der Zehnten, ohne allzu viel Innenspannung gedehnt werden ('alte' Mahler-Exegeten wie Bruno Walter oder Hermann Scherchen benötigten bei ihrer Neunten fast nur die Hälfte an Zeit!), dann wähnt man sich fast in einem Wellness-Programm à la "Schöner sterben mit Mahler". Mit dem seit Visconti als morbid missverstandenen Adagietto der Fünften ist dies längst passiert. Den beiden Abschiedssinfonien aber sollte es erspart bleiben. Bleibt noch, auf das jeweils vorbildlich geschmackvolle Booklet und die in jeder Hinsicht hellhörige Tontechnik hinzuweisen.
Sinfonie Nr. 9 – 2 Punkte
Sinfonie Nr. 10 – 3 Punkte

Christoph Braun, 17.02.2011



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