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Johann Sebastian Bach

Brandenburgische Konzerte Nr. 1-6

Orchestra Mozart, Giuliano Carmignola, Claudio Abbado

DG/Universal 477 8908
(91 Min., 4/2007) 2 CDs

Es mag zwar nicht hundertprozentig einleuchtend sein, warum diese Live-Produktion der Sechs "Brandenburgischen", aufgezeichnet im April 2007 im Teatro Municipale von Reggio Emilia und seit Oktober 2008 schon beim selben Label auf DVD und Blu-ray erhältlich, nun auf CD nachgereicht wird. Aber falls es die Absicht des Labels ist, noch einmal die Aufmerksamkeit auf diese Einspielung zu lenken, dann darf man durchaus von einer lauteren Absicht sprechen: Was das Orchestra Mozart mit Giulio Carmignola als Konzertmeister mit den Bachschen Concerti anstellt, kann sich hören lassen – auch vor dem Hintergrund der teils hervorragenden Einspielungen aus den Reihen der bereits 'eingeführten' Barock-Spezialisten, die in den letzten Jahren neu erschienen sind.
Konzertmeister Giuliano Carmignola ist fit auf konventionellen und historischen Instrumenten, und seine Erfahrung mit barocken Violinen trägt ohne Zweifel maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Allerdings spielen die Musiker, soweit das zu ermitteln ist, nicht auf historischen Instrumenten: Wir hören etwa im zweiten Konzert eine moderne Oboe (ihr überzuckertes Timbre stört den ansonsten schlanken und vibratofreien Gesamtklang) und eine sogenannte 'Bach-Trompete' mit Ventilen. Glücklicherweise wurden wenigstens Blockflöten eingesetzt – und mit Michala Petri spielt hier immerhin eine versierte Könnerin. Nicht historisch ist dagegen leider die Querflöte im fünften Konzert – all dies führt zu leichten Hörirritationen, die den interpretatorisch sehr guten Gesamteindruck immer wieder stören. Was jedoch an struktureller Feinarbeit geleistet wurde, ist beachtlich: Glasklar und höchst transparent präsentieren die Musiker, zumeist in einfacher Besetzung, Bachs komplexe und überreiche Partituren. Eine Freude ist im fünften Concerto der von Ottavio Dantone brillant bewältigte Cembalopart mit einer packenden Darbietung der großen Kadenz im ersten Satz. Schwer auszumachen, wie hoch Abbados Anteil am beachtlichen Gesamtergebnis ist. Sicher hatte jeder einzelne Musiker schon zuvor ausführliche Erfahrungen mit diesen Stücken. Kleinere Probleme wie die gelegentlichen Intonationstrübungen im ersten Satz des sechsten Werks mag man getrost der Live-Situation anlasten. Die Entscheidung Abbados, nicht wirklich historisierend zu besetzen, mag man als halbherzig betrachten; gelungen ist diese Einspielung trotzdem, denn sie ist vom Geist der historisierenden Aufführungspraxis weit mehr als nur berührt.

Michael Wersin, 19.03.2011



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