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Johannes Brahms

Sämtliche Sinfonien

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington

Hänssler/Naxos 93267
(164 Min., 7/2005) 3 CDs

Von dem Brahms-Freund Joseph Joachim ist die Vermutung überliefert, dass alle Vibratospieler eigentlich ihr Streichinstrument nicht beherrschen. Statt die Emotionen aus der Musik heraus zu fassen, würden sie den Ton gefühlig zittern lassen. Auch dieses Joachim-Zitat ist für Roger Norrington natürlich Wasser auf die Mühlen, endlich mal mit dieser etablierten Vibratomanie aufzuräumen. Und so hat er in den letzten Jahren für reichlich Diskussionsstoff gesorgt, wenn er sich für das musikhistorisch korrekte Reinheitsgebot einsetzte. In Interviews und vor allem als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Bevor Norrington das Orchester zum Ende der Saison verlässt, legt er mit ihm noch rechtzeitig sein entschlacktes Bild aller vier Brahms-Sinfonien vor.
Ist Norringtons Brahms, der 2005 live mitgeschnitten wurde, aber nun wirklich so revolutionär, wie man es vermuten könnte? Wer die Pathos- und Tragik-Apologeten wie Furtwängler und Karajan mal beiseitelässt und sich die Aufnahmen etwa von Toscanini, Muti, Kleiber und Harnoncourt in Erinnerung ruft, der wartet vergeblich auf das ganz große Erweckungserlebnis. Denn bereits seine Kollegen waren schließlich mit der Lupe durch die Partituren gegangen, um ihren Eigenwert radikal durchhörbar zu machen. Vibratoschelte hin oder her – immerhin vor der Leistungsfähigkeit des Orchesters muss man den Hut ziehen, vor seiner technischen Brillanz und Souveränität, vor der muskulösen Wucht der Blechbläser und seinem schlanken und doch ungemein erzählerischen Dahinströmen. Abseits aller musikwissenschaftlichen und musikästhetischen Grundsatzdiskussionen dokumentiert die Aufnahme daher einmal mehr, wie gut die Pionierleistungen der historisch informierten Aufführungspraxis auch von einem modernen Orchester beherzigt werden. Eine Erkenntnis, die so brandneu wiederum auch nicht ist.

Guido Fischer, 26.03.2011



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