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Johann Sebastian Bach

Motetten

Vocalconsort Berlin, Marcus Creed

harmonia mundi HMC 902079
(71 Min., 3/2010)

Makellose Schönheit, nahezu perfekte Homogenität in puncto Klang und Intonation, faszinierende Geschmeidigkeit in der Gestaltung der horizontalen Linien zeichnen diese beachtenswerte Neueinspielung der Motetten Johann Sebastian Bachs aus. Marcus Creed konnte beim Vocalconsort Berlin offensichtlich auf ein erstklassiges Ensemble zurückgreifen, mit dem ein Arbeiten auf allerhöchstem Niveau möglich war: Keinerlei individuelle Schwächen stören den musikalischen Ablauf, und dennoch entbehrt die Interpretation der Sterilität; ein hohes Maß an Objektivität im Dienst an der Musik wird erreicht, aber niemals wirkt die Darbietung deshalb unpersönlich. Die jungen Ensemble-Profis dieser im Jahre 2003 gegründeten Gruppierung verstehen ihr Handwerk aufs Erquicklichste. Bachs Motetten musizieren sie in einer Besetzungsstärke von achtzehn Sängerinnen und Sängern, in Altlage sind Frauenstimmen (und keine Falsettisten) zu hören. Bei allen Motetten spielt eine Continuoorgel mit, im Falle von "Lobet den Herrn, alle Heiden" zusätzlich ein Cello. Der Text kommt stets gut zur Geltung, nicht nur durch gute Deklamation, sondern auch durch Berücksichtigung der musikalischen Gestik, mit der Bach auf unterschiedlichen Ebenen der Textaussage folgt. Was könnte es zu kritisieren geben an dieser wahrhaft gediegenen Einspielung? Über weite Strecken gar nichts. Gegen Ende allerdings, im Schluss-Halleluja von "Lobet den Herrn, alle Heiden", kommt eine leichte Unzufriedenheit mit dem interpretatorischen Duktus auf: Irgendwie mag sich dieser Satz nicht so recht von der Stelle bewegen – das Spritzigkeitspotential der Musik scheint hier nicht ausgeschöpft. Ähnliches ist dann streckenweise auch in "Singet dem Herrn ein neues Lied" zu beobachten. Zieht man vor diesem Hintergrund etwa die (solistisch besetzte) Einspielung von Trinity Baroque unter Julian Podger zum Vergleich heran, so fällt auf, dass hier die Sänger in verschiedenster Hinsicht deutlich mehr wagen: Es wird expliziter phrasiert und artikuliert, es wird noch engagierter gesprochen. Im Ergebnis ist die Oberfläche weniger glatt als bei Creeds edel-gepflegter Herangehensweise, aber zum Zwecke einer noch eindringlicheren Vermittlung der Musik lohnt sich dieses Wagnis. Wer Bachs Motetten liebt, vergleiche selbst!

Michael Wersin, 09.04.2011



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